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Das Ende des Peugeot-Wunders in der Region

Mit dem Peugeot 403 jagte die saarländische Polizei in den 50ern und 60ern Ganoven. Fotos: Peugeot Deutschland
Mit dem Peugeot 403 jagte die saarländische Polizei in den 50ern und 60ern Ganoven. Fotos: Peugeot Deutschland
Saarbrücken/Köln. Pierre Peugeot höchstpersönlich ließ sich zur Einweihung nach Saarbrücken chauffieren, der Spross der mächtigen französischen Industriellen-Dynastie. Es war der bedeutendste Tag in der Geschichte der Peugeot-Deutschland-Niederlassung. Nach vier Jahren Bauzeit öffnete am 15 Von Merkur-Mitarbeiter Oliver Schwambach

Saarbrücken/Köln. Pierre Peugeot höchstpersönlich ließ sich zur Einweihung nach Saarbrücken chauffieren, der Spross der mächtigen französischen Industriellen-Dynastie. Es war der bedeutendste Tag in der Geschichte der Peugeot-Deutschland-Niederlassung. Nach vier Jahren Bauzeit öffnete am 15. September 1977 in Güdingen auf 180 000 Quadratmetern Fläche die neue Auslieferungszentrale. 32 Millionen Mark wurden verbaut, inklusive eines kräftigen Landeszuschusses, um Händler aus der ganzen Republik von Saarbrücken aus mit neuen Löwen-Wagen zu versorgen. Für Saar-Ministerpräsident Franz-Josef Röder (CDU) damals bestens investiertes Geld. Gelungene Wirtschaftsförderung und ein echter Image-Gewinn, so der Landesvater: "Ich freue mich immer, wenn ich in der Peugeot-Werbung auf den Autos das SB-Schild sehe." Und Monsieur Peugeot betonte, wie wichtig seinem Unternehmen das Saarland sei.Solche Worte des Patron gelten heute in der Konzernzentrale von PSA (Peugeot Société Anonyme) in Sochaux nichts mehr, wo Manager einer Aktien-Gesellschaft, die per anno über drei Millionen Fahrzeuge absetzt, über Wohl und Wehe der Marken Peugeot und Citroën entscheiden. Für das Saarland aber bedeutet der Wegzug Peugeots nicht bloß den Verlust von rund 220 Arbeitsplätzen, von Steuereinbußen in dreistelliger Millionen-Höhe. Dies greift tief in die saarländische Geschichte ein: Ein Teil der mit Frankreich verknüpften Identität des Landes geht verloren.

Ein Markstein in dieser langen gemeinsamen Historie: 1967 gründete Peugeot in Saarbrücken seine erste Auslandszentrale überhaupt. Zuvor lag das Auslandsgeschäft in Händen privater Importeure. Und nach wie vor hat Peugeot im Saarland einen extrem hohen Marktanteil, 2011 lag er bei über 25 Prozent. Nicht mal in Mutterland selbst verkauft der Hersteller in Relation zum jeweiligen Gesamtabsatz so viele Autos wie hier. Andere Franzosen wie Renault und Citroën fahren da weit hinterher.

Das eigentliche Peugeot-Wunder begann vor reichlich 50 Jahren. Dass Wagen aus dem Nachbarland nach dem Zweiten Weltkrieg hier Vorfahrt hatten, lag zunächst mal an der politischen Situation. Das Land stand schließlich unter dem Protektorat Frankreichs. Nach Beseitigung der Kriegstrümmer kam die Motorisierung aber erstmal dank Renault auf Touren. Weil Renault das passende Auto parat hatte, den rundlichen 4CV, liebevoll Cremeschnittchen getauft. So fuhr der Deutsche seinen Käfer, der Franzose 4CV und die Menschen in der Region ihr Cremeschnittchen.



Das Geschäft mit den Autos aus Frankreich bestimmte damals ein Groß-Importeur, die Saarbrücker Kraftwagenhandelsgesellschaft (KHG). Deren Besitzer, Willi Huppert, pflegte beste Kontakte nach Sochaux - und schaffte es 1967, auch seinen Standort in Saarbrücken Peugeot als Deutschland-Zentrale schmackhaft zu machen (damals noch in Schafbrücke). Kurz vor der Rückgliederung des Saarlandes kam ein cleverer Verlagskaufmann namens Georg Eberhard Merleker von Berlin an die Saar und avancierte bei der KHG zum Verkaufsdirektor. Ihm glückte es, Peugeot im Dienstwagengeschäft zu etablieren. Der Durchbruch.

Viele französische Unternehmen, Banken und Versicherungen waren damals hier vertreten, erläutert Hans-Christian Herrmann, Leiter des Saarbrücker Stadtarchivs, der gerade an einem Buch "Die Geschichte von Peugeot in Deutschland" schreibt (im Sommer wird es im Walter-Wolf-Verlag erscheinen). Für die war der 1955 vorgestellte 403 der ideale Firmenwagen. Komfortabel, gut motorisiert, doch nicht zu teuer. Die Nachfrage war so gewaltig, dass die KHG massenweise Werkswagen in Sochaux kaufte. Nach der Rückgliederung glückte Merleker, der beste Kontakte in die Landespolitik unterhielt, ein zweiter Coup. Er sorgte dafür, dass die Polizei im Saarland Peugeot fuhr. Die Baureihen 403, 404 und auch noch der bis Mitte der 90er gefertigte 405 waren die typischen Polizei-Autos. In den 70ern wurde Peugeots saarländische Erfolgsfahrt freilich eingebremst. Mit dem Ford-Werk in Saarlouis gab's nun einen weiteren Lokalmatador.

Und so kursierten schon in den 80er Jahren Gerüchte, Peugeot wolle seine Zentrale nach Köln verlegen. SPD-Mann Reinhold Kopp stellte 1982 im saarländischen Landtag eine entsprechende Anfrage. Nun ist das Gerücht Realität. Und die Peugeots in der Werbung fahren bald mit dem K- statt mit dem SB-Schild.

"Ich freue mich immer, wenn ich in der Peugeot- Werbung

auf den Autos das SB-Schild sehe."

Der saarländische Ministerpräsident Franz-Josef Röder

1977

Hintergrund

Die Geschichte von Peugeot reicht zurück bis in das Jahr 1810, als in Hérimoncourt im Osten Frankreichs mit der Herstellung von Sägeblättern begonnen wurde. Weil die Sägezähne an den Rachen eines Löwen erinnerten, wurde der Löwe zum Logo der Firma. Bevor mit dem Bau von Autos begonnen wurde, war Peugeot auf Haushaltsgeräte wie Bügeleisen oder Pfeffermühlen spezialisiert.

Das erste Auto wurde im Jahr 1889 gefertigt. Die Riesen-Nachfrage nach dem ersten Nachkriegsmodell, dem 203, führte zu Lieferzeiten von über einem Jahr.

2011 verzeichnete Peugeot Deutschland das bislang beste Ergebnis. Der Marktanteil bei den Neuzulassungen lag bei 2,6 Prozent, im Saarland bei 25,2 Prozent (10 620 Autos) und damit deutlich über dem in Frankreich (16,8 Prozent). tho