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Menschen sorgen sich zunehmend vor einer Epedemie
Ein Virus verunsichert die Chinesen

 Kontrolleure in Schutzuniformen überprüfen am Pekinger Flughafen die Körpertemperatur von gerade gelandeten Passagieren aus Wuhan.
Kontrolleure in Schutzuniformen überprüfen am Pekinger Flughafen die Körpertemperatur von gerade gelandeten Passagieren aus Wuhan. FOTO: AP / Emily Wang
Peking. Die Menschen in der Volksrepublik sorgen sich zunehmend vor einer Epidemie. Die Regierung möchte im Gegensatz zu früheren Krisen eine transparente Informationspolitik betreiben. Fabian Kretschmer

Die Sicherheitskräfte an den U-Bahneingängen tragen sie, die Touristen mit ihren Rollkoffern ebenfalls, genauso wie die Kleinkinder an den Händen ihrer Mütter: Atemschutzmasken sind spätestens seit Dienstag omnipräsent im Pekinger Stadtbild. Etwa jeder zweite Passant auf der Straße führt einen solchen Schutz im Gesicht – in klinischem weiß, mattem schwarz oder modisch-schrillen Signalfarben. Es ist der sichtbare Beweis für das zunehmende Unwohlsein innerhalb der chinesischen Bevölkerung.

„Unbequem sind die Masken, es zwickt und drückt an den Ohren”, sagt eine Endzwanzigerin im halbleeren Express-Zug in Richtung Flughafen. Genau wie 400 Millionen weitere Chinesen macht sie sich zum bevorstehenden Neujahrsfest zum Familienbesuch auf. Mit einem mulmigen Gefühl werde sie ins Flugzeug steigen, sagt die Angestellte einer Baufirma, doch ihre Reisepläne aufgeben wollte sie dann doch nicht.

Der Coronavirus ruft allerdings dunkle Erinnerungen wach: „Der Sars-Virus ist auch weit entfernt in Südchina ausgebrochen. Doch am Ende ging es ganz schnell, bis Peking gefährlich wurde”, sagt sie: „Die ganze Stadt war de facto zugesperrt, es gab kein rein und kein raus”.



Im Jahr 2002 brach die Sars-Epidemie aus, genau wie beim jetzigen Erreger handelte es sich auch damals um einen Coronavirus. Laut Experten scheint Sars jedoch sowohl ansteckender als auch tödlicher gewesen zu sein, zumindest die bisherigen Infektionsraten legen das nahe. Rund 800 Menschen kamen dabei ums Leben, der absolute Großteil in Festlandchina und Hongkong.

Vor allem sollten die Behörden von ihren Fehlern lernen – denn damals gingen sie intransparent vor und versuchten viel zu lange im Sinne der öffentlichen Stabilität das wahre Ausmaß der Epidemie zu verschleiern. Genau diesem Vorwurf versuchen die Behörden nun entschieden entgegenzuwirken.

Am Dienstag hatte etwa die Kommission für Politik und Recht der kommunistischen Partei im sozialen Netzwerk Weibo ihre Kader in den Provinzen zu möglichst viel Transparenz aufgefordert. Wer Infektionen vertusche, gehe „als Sünder in die Geschichte” ein. Bei Sars habe die mangelnde Informationspolitik „der Glaubwürdigkeit der Regierung geschadet”. Nur durch konsequente Offenlegung von Informationen könne die Virus-Bedrohung eingedämmt werden. Für chinesische Verhältnisse ist dies ein beachtenswertes Zeugnis öffentlicher Selbstkritik. Ebenso beachtenswert ist allerdings auch, dass ebenjener Weibo-Eintrag nur wenige Stunden später vom sozialen Netzwerk gelöscht wurde.

In einem Klima der Verunsicherung sind viele Nutzer der sozialen Netzwerke besorgt, ob sie ausreichend über den Virus-Ausbruch informiert werden. „Ich hoffe, dass die Regierungsnachrichten aktuell und wahr sind“, schreibt ein User auf Weibo, dem chinesischen Facebook.

Von der damaligen Panikstimmung ist die chinesische Hauptstadt nach bisher 17 bestätigten Todesfällen im Land bislang noch weit entfernt: Die öffentlichen Plätze sind nach wie vor belebt, die Restaurants gut besucht, in den Parks spielen die Senioren weiterhin Mahjong. Es lässt sich allerdings leicht ausmalen, welch fruchtbaren Boden der Coronavirus zur Ausbreitung in der 21-Millionen-Metropole hätte: riesige Apartmentanlagen, zwischen denen unzählige Essenskuriere und Online-Liferanten auf ihren Elektrorollern hin und herrasen, überfüllte U-Bahnzüge und ein hoher Zuzug von Landarbeitern aus den Provinzen.

Zu einem radikalen Schritt hat unterdessen Nordkorea gegriffen: Am Mittwoch hat der Staat sämtliche Reiseagenturen informiert, den internationalen Tourismus im Land bis auf weiteres pausieren zu lassen. Als Grund nannte man in einem Schreiben „die rapide Ausbreitung” des Coronavirus in China. Für die Kim-Diktatur wäre ein Ausbruch der Lungenkrankheit außerordentlich bedrohlich: Das Gesundheitssystem gilt als katastrophal, es fehlt an Medikamenten, Antibiotika und grundlegendster Ausrüstung in den Spitälern. Doch ob der staatliche Eingriff in den Tourismussektor zum Schutz ausreicht, ist unklar: Entlang der chinesisch-nordkoreanischen Grenze herrscht schließlich ein reger Schmuggel sowie Austausch von Waren und Personen.