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Genforschung
„Die Büchse der Pandora wurde geöffnet“

Genial oder verrückt? He Jiankui will die Gene von Babys verändert haben. Ethiker aus aller Welt sind empört.
Genial oder verrückt? He Jiankui will die Gene von Babys verändert haben. Ethiker aus aller Welt sind empört. FOTO: AP / Mark Schiefelbein
Shenzhen/Berlin. Ein chinesischer Forscher sagt, er habe Embryo-Gene zum Schutz vor HIV manipuliert. Experten bezweifeln seine Ergebnisse – und Ethiker sind entsetzt. Von Walter Willems, dpa

Die Zwillinge Lulu und Nana könnten in die Geschichtsbücher eingehen: Selten hat eine verkündete Geburt weltweit für solche Aufregung gesorgt. Von einem „Super-GAU“ für die Wissenschaft spricht der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock. Und die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, Christiane Woopen, fordert ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft. „Die Büchse der Pandora wurde geöffnet“, warnen mehr als 120 chinesische Wissenschaftler.

Was ist passiert? „Zwei wunderschöne kleine chinesische Mädchen namens Lulu und Nana kamen vor einigen Wochen weinend und so gesund wie jedes andere Baby zur Welt“, verkündet He Jiankui von der Southern University of Science and Technology in Shenzhen auf der Internet-Plattform YouTube. Er hat demnach bei einer künstlichen Befruchtung die Genome der Kinder manipuliert. Mit der Gen-Schere Crispr/Cas9 inaktivierte er in den Embryonen das Gen für den Zellrezeptor CCR5. Der ist das wichtigste, aber nicht das einzige Einfallstor für das HI-Virus in Zellen des Körpers. Der Eingriff solle die Kinder später vor einer möglichen Infektion mit dem Aids-Erreger schützen.

Vieles ist sonderbar an seinem Vorgehen. Etwa, dass er die Nachricht nicht in einem Fachjournal oder auf einem Kongress vorstellt, sondern über Youtube verkündet. Oder auch, dass er seiner Uni kontroverse Schritte – das Einpflanzen manipulierter Embryonen, die Schwangerschaft und die Geburt der Zwillinge – offenbar verheimlicht hat. Die Hochschule äußerte sich „zutiefst schockiert“ und distanzierte sich von He.



In vielen Ländern – aber nicht in China – ist die Genomeditierung von Keimzellen an Menschen verboten. Aus gutem Grund: Die Folgen von Crispr/Cas9-Eingriffen sind noch weitgehend unbekannt. Lulu und Nana könnten gravierende Nachteile davontragen und diese an ihre Nachkommen vererben. He behandelte nach eigenen Angaben sieben Ehepaare mit unerfülltem Kinderwunsch. Dabei manipulierte er mit der Gen-Schere 16 Embryonen, elf davon wurden sechs Frauen eingepflanzt. Letztlich gab es eine Geburt. Allerdings sind wohl nur bei einem der Kinder beide Genkopien für den CCR5-Rezeptor inaktiviert.

Crispr/Cas9 wird seit 2012 eingesetzt und hat Forschungslabore weltweit im Sturm erobert. Denn damit können Forscher Erbgut relativ zielgenau durchtrennen und bestimmte Gene inaktivieren. So verändern sie inzwischen Genome von Mikroorganismen und Pflanzen – und im Rahmen von Gentherapien auch von Menschen. Der therapeutische Einsatz an Spermien, Eizellen und Embryonen steht allerdings auf dem Index – nicht zuletzt, weil unklar ist, welche Effekte die Technik an anderen Stellen des Erbguts hat.

„Die Genomeditierung mit Crispr/Cas9 ist zwar einfach, aber nicht sehr präzise, das System macht Fehler“, sagt Joachim Hauber vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg. Man könne nicht ausschließen, dass die Gen-Schere auch an anderen Stellen ins Genom eingreife. Zudem könne die Zelle beim Verbinden der abgeschnittenen DNA-Enden Fehler machen. Dies könne sich erst nach Jahren zeigen. „Die beiden Kinder können diese Veränderungen an ihre Nachkommen weitergeben“, mahnt Hauber. „Ein solches Vorgehen verurteile ich aufs Schärfste.“ Zumal der von He angeführte Nutzen – bei einem Kind ein Teilschutz vor HIV – äußerst fragwürdig ist. „Die Inaktivierung des CCR5-Rezeptors hat eine Feigenblatt-Funktion“, sagt Hauber. Wahrscheinlicher seien sogar Nachteile: Studien deuten darauf hin, dass etwa eine West-Nil-Virus-Infektion bei Menschen ohne CCR5-Rezeptor deutlich schwerer verläuft. Auch Ethiker greifen He scharf an. Der Erlanger Theologe Dabrock spricht von einem „schamlosen, unverantwortlichen Humanexperiment“, die Kölner Ethikerin Woopen von einer Verletzung der Menschenrechte. Die Fachwelt reagiert ebenfalls fassungslos: „Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden“, schreiben 122 chinesische Forscher. „Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, und wir haben möglicherweise eine Chance, sie zu schließen, bevor der Schaden irreparabel ist.“

Dass He die Geburt der Mädchen ausgerechnet jetzt verkündet hat, ist vielleicht kein Zufall: Morgen beginnt in Hongkong ein Genomforscher-Kongress. Dort soll He, der Patente auf Verfahren hält und ein Gentechnik-Unternehmen besitzt, einen Vortrag halten. Die Aufmerksamkeit der Welt ist ihm gewiss.