| 22:50 Uhr

Kabinett berät sich
Der Digitalisierung Leben einhauchen

Keine Berührungsängste: Kanzlerin Angela Merkel im Dialog mit Roboter Nao am Berliner Fraunhofer-Institut. Ihre Regierung hat in Sachen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz allerdings noch Nachholbedarf.
Keine Berührungsängste: Kanzlerin Angela Merkel im Dialog mit Roboter Nao am Berliner Fraunhofer-Institut. Ihre Regierung hat in Sachen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz allerdings noch Nachholbedarf. FOTO: dpa / Jörg Carstensen
Berlin. Die Bundesregierung berät sich, wie man den deutschen Rückstand aufholen kann. Denn es hakt in vielen Bereichen. Von Theresa Münch

Die Kanzlerin hat schon mit Robotern die Ghetto-Faust geübt und über das Aus der Deutschen bei der Fußball-WM geschäkert. Mit Künstlicher Intelligenz hat Angela Merkel (CDU) eigentlich keine Berührungsängste. Trotzdem musste sie nach der holprigen Roboter-Unterhaltung im Sommer eine Gemeinsamkeit feststellen: Sie müssten wohl beide noch viel lernen. Roboter Sophia, der versucht, den Menschen zu imitieren. Doch auch die Kanzlerin und ihre Regierung beim Thema Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Denn in vielen Bereichen ist Deutschland hier Entwicklungsland.

Seit gestern sitzt deshalb das Bundeskabinett in Potsdam zusammen. Das Ziel: der bisher ziemlich vagen Digitalstrategie Leben einhauchen. Zum Auftakt der Klausur gab Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bekannt, dass die Bundesregierung bis 2025 zusätzlich drei Milliarden Euro in die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz investieren will. Wo kommt die Digitalisierung sonst noch voran, wo stockt sie? Eine Bestandsaufnahme zwischen Ist und Soll:

Schnelles Internet: Ziel der Bundesregierung sind Glasfaserleitungen bis vor jede Haustür. Bis 2025 soll der Ausbau des Netzes fertig sein, kündigte Kanzleramtsminister Helge Braun gestern im ARD-„Morgenmagazin“ an. Noch geht es aber schleppend voran: Einen richtig schnellen Internetanschluss mit mehr als 100 Megabit pro Sekunde hat nicht mal jeder zehnte Haushalt. Beim neuen Mobilfunkstandard 5G gibt es Zoff: Die Netzbetreiber sollen verpflichtet werden, Funklöcher zu schließen und eine nahezu flächendeckende Versorgung zu garantieren. Doch bei zu strengen Auflagen werden weniger Betreiber mitbieten, wenn die Lizenzen versteigert werden.



Digitales in der Schule: Tablet-Computer statt Schulhefte, interaktive Boards statt Tafeln und digitale Animationen statt Bilder: So sollen Schüler künftig lernen. Die Regierung will in fünf Jahren fünf Milliarden Euro zahlen, um die Schulen komplett internetfähig zu machen und digitalen Methoden zum Durchbruch zu verhelfen. Wo stockt es? Weil Bildung Ländersache ist, kann der Bund nicht grundsätzlich mitfinanzieren. Die Regierung will deshalb das Grundgesetz ändern, doch die Länder sind skeptisch. Am 6. Dezember soll aber eine Vereinbarung stehen.

Digitales beim Arzt: Faxgeräte und Nadeldrucker für Rezepte sind in Arztpraxen noch weit verbreitet – doch hier kommt die Digitalisierung voran. Spätestens 2020 sollen Ärzte papierlose Digitalrezepte ausstellen. Sie könnten dann auch nach Videosprechstunden Medikamente verschreiben. Ein Jahr später soll die elektronische Patientenakte mit Daten von Ärzten und Versicherungen kommen, die die Patienten freiwillig nutzen können. So können sie etwa Medikamentenpläne und Röntgenbilder auf dem Handy dabeihaben.

Digitales auf der Arbeit: Besonders Mittelständler arbeiten in Deutschland nicht so digital wie möglich. Ab Januar sollen sie für Weiterbildung Hilfen vom Bund bekommen, kündigte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) gestern an. „Ich halte das für die Schicksalsfrage, dass wir das gut hinbekommen“, sagte er im rbb-Inforadio. Sein Ministerium geht davon aus, dass durch die Digitalisierung bis 2025 etwa 1,6 Millionen Stellen wegfallen – aber auch 2,3 Millionen entstehen. Viele Menschen werden Umschulungen brauchen.

Künstliche Intelligenz: Wenn von Künstlicher Intelligenz gesprochen wird, fällt immer wieder der Vergleich zur Dampfmaschine. Ungefähr so wichtig könnte dieses Feld in den nächsten Jahren werden, meinen Experten. Was die Nutzung der lernenden Software angeht, laufen die USA und China Deutschland derzeit den Rang ab. Die Bundesregierung will dafür sorgen, dass Deutschland zu einem weltweit führenden Standort wird und investiert deshalb die erwähnten drei Milliarden Euro – vor allem für Forschung und Entwicklung. Ein Problem: Damit die Algorithmen trainiert werden können, braucht man große Mengen an Daten. Deutschlands hohe Datenschutzstandards machen den Fortschritt schwierig.