| 23:00 Uhr

Nachfolge von Theresa May in Großbritannien
Boris Johnson ist ganz oben angekommen

London. Klarer Wahlsieger unter den britischen Tories: Der Brexit-Hardliner und ehemalige Außenminister tritt Theresa Mays Nachfolge an. Von Katrin Pribyl

In jenem Moment, als sich sein Lebenstraum erfüllt, senkt der künftige Premier fast betreten den Blick. Auf seinem Gesicht deutet sich ein schüchternes Lächeln an, während im konservativen Publikum Beifall aufbrandet und der 55-Jährige dann auf die Bühne springt. Eine weitere Folge der großen Boris-Johnson-Show? Überrascht ist in dem Kongresszentrum in London ohnehin niemand über das Ergebnis. Zu sicher galt der Sieg des Brexit-Hardliners im Rennen um die Nachfolge der scheidenden Vorsitzenden und Regierungschefin Theresa May. Und so setzte sich Johnson bei der innerparteilichen Wahl mit zwei Drittel der Stimmen überwältigend durch. 92 153 Tory-Mitglieder stellten sich hinter den ehemaligen Außenminister, sein Widersacher, der amtierende Chefdiplomat Jeremy Hunt, kam lediglich auf 46 656 Unterstützer.

Johnson, der Clown der Nation, zieht am heutigen Mittwoch in die Downing Street ein und übernimmt damit den Posten von Theresa May. Er bezeichnet die Wahl in seiner anschließenden Rede in aller Bescheidenheit als „historischen Moment“. Johnson, der die Kampagne für den EU-Austritt 2016 angeführt hat, ist der wohl umstrittenste Politiker auf der Insel. Noch vor drei Jahren befand ihn selbst ein Teil seiner Partei als unfähig, das Königreich zu führen. Heute aber ist er der Hoffnungsträger der verzweifelten Tories. Und so hoffen Mitglieder wie Parlamentarier, Johnson könne den Rechtspopulisten der Brexit-Partei Nigel Farage genauso in Schach halten wie den Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn – so wie damals, im Jahr 2003, als er London, die Hochburg der Sozialdemokraten, mit Charme, Tollpatschigkeit und Witz erobert hat.

„Wir werden den Brexit bis zum 31. Oktober umsetzen“, wiederholt Johnson am Dienstag nach seiner Wahl. Er wolle nicht nur den Wunsch nach Freundschaft mit Europa und die Sehnsucht nach demokratischer Selbstbestimmung miteinander verbinden. „Wir werden dieses fantastische Land einen“, ruft er.



„Er hat das nötige Charisma“, befindet etwa die 21-jährige Elizabeth Dunkley, die in Vorfreude auf den Brexit für Johnson gestimmt hat. „Er sollte zu Ende führen, was er begonnen hat.“

Labour-Chef Corbyn wiederum forderte sofort Neuwahlen. Johnson sei von weniger als 100 000 Tory-Mitgliedern bestimmt worden und habe das Land nicht hinter sich gebracht, schrieb der Oppositionschef auf Twitter. Ein Brexit ohne Austrittsabkommen, den Johnson bewusst nicht ausschließt, drohe Jobverluste und steigende Preise zu bringen. US-Präsident Donald Trump zeigte sich dagegen erfreut – „er wird großartig sein“, und selbst die gescheiterte Theresa May gratulierte. „Wir müssen jetzt zusammenarbeiten, um einen Brexit zu liefern, der für das ganze Land funktioniert“, hieß es von ihr. Johnson lobt ebenfalls ausgerechnet die scheidende Regierungschefin, zu deren Fall er maßgeblich beigetragen hat.

Nebulös betonte Johnson immer wieder seine Absicht, den zwischen London und Brüssel vereinbarten Deal neu zu verhandeln und den verhassten Backstop aus dem Vertrag zu streichen, die Garantie für eine nicht militärisch kontrollierte Grenze zwischen der Republik Irland und der Provinz Nordirland.

Hilfe bei der Arbeit könnte Johnson von seiner Lebensgefährtin bekommen, Carrie Symonds, ihres Zeichens Kommunikations-Profi und „PR-Guru der Tories“. Zwar ist von Insidern zu hören, dass sie an seiner Seite fehlen wird, wenn er heute seinen Amtssitz bezieht. Doch die 31-Jährige dürfte spätestens am Wochenende nachkommen. Es gilt auch als ihr Verdienst, dass der wortgewaltige Konservative nun gekämmter daherkommt und deutlich abgenommen hat. Noch auffallender aber ist, dass Johnson sich seit Monaten kaum noch Ausfälle geleistet hat. Ausnahme: ein heftiger Streit zwischen den beiden, den Johnson nicht kommentieren wollte.

Ab heute aber wird er erklären müssen, wie er regieren will, nachdem er so viel in Aussicht gestellt hat. Eine Senkung der Einkommenssteuer und Milliardengeschenke gehören dabei noch zu den kleineren Dingen. Die größte Herausforderung heißt Brexit, den er unbedingt bis zum derzeitigen Stichtag am 31. Oktober vollzogen haben will. Dabei haben sich die Verhältnisse im tief gespaltenen Parlament keineswegs geändert. Wie May wird auch Johnson einer Minderheitsregierung vorstehen, die Tories verfügen lediglich über eine hauchdünne Mehrheit. Doch der Exzentriker braucht alle Abgeordneten in den eigenen Reihen, um nicht genauso zu scheitern wie seine Vorgängerin. Wie er das verhindern will – so befürchten seine Kritiker – weiß er wohl nicht einmal selbst.

 Jetzt ist er ganz oben angekommen: Boris Johnson, neu gewählter Chef der Konservativen Partei in Großbritannien, hat das Rennen um das Amt des Regierungschefs für sich entschieden. Wird es mit ihm einen regulären Austritt des Landes aus der EU geben können? Auf diesem Archivfoto blickt er von der Aussichtsplattform „The View“ hinunter auf London.    Foto: matt    dunham/ap
Jetzt ist er ganz oben angekommen: Boris Johnson, neu gewählter Chef der Konservativen Partei in Großbritannien, hat das Rennen um das Amt des Regierungschefs für sich entschieden. Wird es mit ihm einen regulären Austritt des Landes aus der EU geben können? Auf diesem Archivfoto blickt er von der Aussichtsplattform „The View“ hinunter auf London. Foto: matt dunham/ap FOTO: AP / Matt Dunham