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Bildung
Wenn der Unterricht aus der Garage kommt

Wiltingen. Die Corona-Krise zeigt: Eigentlich kann man Schüler von überall aus unterrichten, solange man Internet hat und offen ist für neue Perspektiven. Unsere Autorin hat ihrem Ehemann bei seinem ersten Online-Kunst-Unterricht zugeschaut. Von Katharina De Mos

Früher wurden hier Autos geparkt. Und die Vorbesitzer des Hauses wären sicher überrascht zu erfahren, dass in ihrer Garage nun Schüler unterrichtet werden. Die Corona-Krise hat den großen, inzwischen zum Atelier umfunktionierten Raum voller Staffeleien und Ölbilder mit Hilfe des Internets zum Klassenzimmer gemacht.

Bram de Mos (Ehemann der Autorin, deren Homeoffice nun zwei Stockwerke drüber im Arbeitszimmer liegt) arbeitet als Kunstlehrer an der englischsprachigen International School of Luxemburg, die wegen der Pandemie noch bis mindestens zum 19. April geschlossen bleibt. Auf ihren Unterricht müssen die Schüler dadurch nicht verzichten – er sieht einfach etwas anders aus als sonst.

„Die Idee ist, nicht stark vom normalen Kunstunterricht abzuweichen.“ Er müsse nur so angepasst werden, dass er digital gegeben werden kann, sagt der aus den Niederlanden stammende Bram. „Arbeiten mit Gips wird jetzt schwierig.“



Daher hat er perspektivisches Zeichnen vorgezogen, das eigentlich etwas später auf dem Lehrplan stünde. Das fänden die Schüler zwar kompliziert. Zu unterrichten sei es aber leicht. Zumal Papier und Stifte wohl in jedem Haushalt zu finden sind.

Bereits seit 2007 unterrichtet der 42-Jährige digital mit Lehrplattformen wie itslearning oder Schoology, mit Power Point und selbst gedrehten Lehrvideos. Dennoch ist er gespannt, ob alles funktioniert.

Denn so etwas hat er noch nie gemacht – und die Kinder auch nicht. In der hinteren linken Ecke des Ateliers hat er sein Arbeitslaptop, Zeichentablet und Mikrofon aufgebaut. „Hi“, sagt Bram, während sich zum Zeitpunkt des üblichen Unterrichtsbeginns bei Schoology immer mehr Kinder einloggen, die er namentlich begrüßt.

Die Extrovertierten schalten sich per Kamera zu, andere per Mikrofon, manche sind nur im Chat dabei. Eine Zusammenkunft, die für die Schüler freiwillig ist und vor allem dazu dient, offene Fragen zu klären, Tipps zu geben und den Arbeitsfortschritt zu begutachten.

Denn ihre Aufgaben können die Kinder abarbeiten, wann sie wollen. Für die erste  Woche hat Bram ihnen zwei Aufträge gegeben, bei denen sie lernen sollen, wie man perspektivisch zeichnet. Auch diese finden die Kinder auf der Plattform Schoology, die von der Schule bereits vor der Corona-Krise genutzt wurde. Als Erstes sollen sie sich ein dort verlinktes Youtube-Video anschauen, das zeigt, wie man mit Hilfe von Horizontlinien und Fluchtpunkten zeichnet. Danach sollen sie sich schriftliche Lehrmaterialien durchlesen, die Bram eingestellt hat. Und dann geht es ans Zeichnen. Erst mit einem Fluchtpunkt, dann mit zweien. Wann auch immer die Schüler wollen. Wer nach diesen Pflichtaufgaben noch Lust hat, kann sich mit Zusatzaufgaben tiefer einarbeiten.

Morgens um halb neun ist der Lehrer online, um Fragen zu beantworten. Und zur normalen Unterrichtszeit am frühen Nachmittag kommen im virtuellen Garagenklassenzimmer dann alle zusammen, die Lust dazu haben. Und das sind erstaunlich viele. Manche wollen noch einmal sehen, wie das mit dem Zeichnen funktioniert. Also zeichnet Bram auf seinem Tablet. „Könnt ihr meinen Bildschirm sehen“, fragt er. Ja, sie können und verfolgen zu Hause, wie er die Linien zieht. Andere wollen wissen, wo sie die Lerndokumente finden, wo sie Fotos ihrer fertigen Werke hochladen können oder ob das, was sie bisher gezeichnet haben, so gut ist. Manchmal wird es kurz hektisch, wenn alle gleichzeitig Fragen stellen oder ins Quasseln geraten. „Zum Glück gibt es einen Stumm-Knopf“, sagt Bram grinsend. Noch nie hatte er so schnell Ruhe im Klassenzimmer. Mit seinem ersten Online-Unterricht ist er sehr zufrieden. Es sei einfacher gewesen, als er gedacht hätte. Zur freiwilligen Schulstunde haben zudem mehr Kinder vorbeigeschaut als erwartet.

„Die Zukunft ist digital“, glaubt der Niederländer. Er hält es für einen Vorteil, dass Schüler sich online aussuchen können, welche Lehrmaterialien ihnen am besten weiterhelfen. Kinder, die sonst sehr ruhig seien, hätten sich im Chat nicht gescheut, ihm Fragen zu stellen. Und: Wann bekommt man von seinen Schülern am Ende des Unterrichts schon mal einen Daumen hoch mit Grinsemännchen?

 Dieser elf Jahre alte Gymnasiast löst in seinem Kinderzimmer Aufgaben, die ihm seine Lehrer für jeden Tag über den Schulserver geschickt haben. Wegen des Corona-Virus sind bundesweit Schulen und Kitas geschlossen. Die Lehrer unterrichten von zuhause aus.
Dieser elf Jahre alte Gymnasiast löst in seinem Kinderzimmer Aufgaben, die ihm seine Lehrer für jeden Tag über den Schulserver geschickt haben. Wegen des Corona-Virus sind bundesweit Schulen und Kitas geschlossen. Die Lehrer unterrichten von zuhause aus. FOTO: dpa / Ulrich Perrey