| 21:40 Uhr

Nach der Marathon-Sitzung
Die Groko ringt stundenlang ums Klima und mit sich selbst

 Müde nach einem Klima-Marathon: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und CSU-Chef Markus Söder auf dem Balkon des Kanzleramts.
Müde nach einem Klima-Marathon: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und CSU-Chef Markus Söder auf dem Balkon des Kanzleramts. FOTO: dpa / Kay Nietfeld
Berlin. Nach 19 Stunden harter Verhandlungen legen die Koalitionäre ihre Beschlüsse vor. Damit ist die nächste innere Krise der Regierung verhindert – erstmal. Von Theresa Münch, Christoph Trost und Jörg Blank, dpa

Es muss eine Quälerei gewesen sein in dieser Nacht und dem folgenden halben Freitag der Entscheidung. Reichlich zerknittert und fahl im Gesicht stehen die schwarz-roten Koalitionäre im Morgenlicht auf dem Balkon des Kanzleramts. Fast 16 Stunden hat die Spitzenrunde um Kanzlerin Angela Merkel (CDU) da schon um den angekündigten großen Wurf einer Klimastrategie gerungen. Am Ende werden es 19.

Zwischendurch, betont die Kanzlerin später, habe es auch mal Freude gemacht. Als die Koalitionsspitze dann die Ergebnisse ihres Ringens vorstellt, wollen dem ein oder anderen aber doch die Augen zufallen. Selbst Merkel, für ihre Zähigkeit bei solchen Marathonverhandlungen berühmt, räumt ein: „Ich möchte Schlaf nicht missen und werde auch den wieder nachholen.“ Doch es habe sich gelohnt.

Dabei ging es im Kanzleramt nicht nur ums Mega-Thema Klima, sondern sehr direkt auch um die Daseinsberechtigung dieser von Anbeginn an ungeliebten Groko in der vierten und letzten Amtsperiode Merkels. Wäre Schwarz-Rot beim zentralen Zukunftsprojekt Klima gescheitert – wäre wohl auch die Regierung am Ende gewesen. Spätestens nach der anstehenden Zwischenbilanz. Entsprechend groß wird der Druck auf den Groko-Spitzen gelastet haben. In den Verschnaufpausen wird am Vormittag viel telefoniert auf dem Balkon des Kanzleramts – es erinnert an die Hängepartie bei der Groko-Bildung. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hüllt sich in ein Tuch gegen die Morgenfrische, CSU-Chef Markus Söder schaut müde.



Man müsse etwas tun, vor allem aber müsse man es richtig tun, hatten alle vorher betont. Deshalb das lange Ringen – auch, weil zum Beispiel in der Union die Angst umging, die Konkurrenz von den Grünen könnte in den Umfragen durch die Decke gehen, falls man sich nur auf Minischritte für den Klimaschutz einigt. Zugleich mussten beide Seiten unbedingt einen Aufstand in den eigenen Reihen vermeiden. Die Sorge ist, dass sich die AfD noch mehr zum Fürsprecher jener aufschwingt, die den Klimawandel nicht als größtes Problem begreifen.

Merkel wolle zum Ende ihrer Amtszeit mit dem starken Engagement fürs Klima ihr altes Renommee als Klimakanzlerin wieder aufpolieren, heißt es schon länger in der CDU – um nicht nur mit der Migrationskrise verbunden zu werden. Am Freitag betont sie ihren Respekt für Klimaaktivistin Greta Thunberg. „Wenn mich etwas beeindruckt, das sage ich jetzt mal als Naturwissenschaftlerin, dann ist das, wenn Greta Thunberg sagt ‚Unite behind the science’ (Versammelt Euch hinter der Wissenschaft)“, sagt sie. Dem Vernehmen nach hat Merkel nach den schwierigen Beratungen vieles in den Verhandlungen selbst in die Hand genommen.

Für Scholz sollte der Marathon nach der langen Nacht sogar noch weitergehen: Er wollte am Abend noch zum SPD-Casting nach Mecklenburg-Vorpommern. Denn der Vizekanzler und Kandidat für den Parteivorsitz muss beweisen, dass er beide Ämter unter einen Hut bekommt. Zudem muss er die mühsam errungene Klimaeinigung verteidigen – denn mit einem Kompromiss sind naturgemäß beide Seiten nie ganz zufrieden. Die CSU wirkt indes so. Man habe fast alle Positionen durchgesetzt – wie die höhere Pendlerpauschale. „Das Paket trägt die Handschrift der Vernunft“, lobt Söder. „Das ist die goldene Mitte. Wir schützen das Klima und stärken die Konjunktur.“

Es bleibt die Frage, warum es beide Seiten trotz monatelanger Vorbereitung und aller Präsenz auf eine Art Showdown auf den letzten Drücker ankommen ließen. Eine Merkel-Taktik? Manchmal komme man so leichter über die letzten Hürden hinweg, lässt sie am Ende mit müden Augen durchblicken.