| 20:28 Uhr

EU-Mitgleidschaft für Südosteuropa
Warum die EU den Balkan nicht vergessen darf

Düsseldorf. Wenn in der Po­li­tik von „Bal­ka­ni­sie­rung“ die Re­de ist, be­deu­tet das nichts Gu­tes. Dann geht es um den Zer­fall von Ord­nung, An­ar­chie und Cha­os. Von Matthias Beermann

Der Bal­kan hat in West­eu­ro­pa ein ge­wal­ti­ges Image-Pro­blem. Er gilt als ewi­ger Schau­platz von Krie­gen und eth­ni­schen Kon­flik­ten, kras­sem Na­tio­na­lis­mus und wirt­schaft­li­cher Rück­stän­dig­keit. Als hoff­nungs­lo­ser Fall. Trotz­dem be­tont die EU: Der Bal­kan ge­hört zu uns. Be­reits vor 15 Jah­ren wur­de den Län­dern der Re­gi­on so­gar ei­ne EU-Mit­glied­schaft in Aus­sicht ge­stellt. Pas­siert ist seit­her aber nicht viel, und ge­nau das wird zum Pro­blem.

Es stimmt, die Bal­kan­län­der sind bis heu­te wirt­schaft­lich rück­stän­dig, wer­den häu­fig au­to­ri­tär re­giert, kämp­fen mit Kor­rup­ti­on und ma­fiö­sen Struk­tu­ren. Von west­eu­ro­päi­schen Min­dest­stan­dards sind sie noch mei­len­weit ent­fernt. Aber die La­ge ver­bes­sert sich all­mäh­lich. Und Län­der wie Ma­ze­do­ni­en und Al­ba­ni­en, die dar­auf hof­fen, dass sie im kom­men­den Jahr mit der EU Bei­tritts­ge­sprä­che auf­neh­men dür­fen, ha­ben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren enor­me Fort­schrit­te ge­macht. Fort­schrit­te, die nach Über­zeu­gung al­ler Be­tei­lig­ten oh­ne die EU-Per­spek­ti­ve und den po­li­ti­schen Druck aus Brüs­sel völ­lig un­denk­bar ge­we­sen wä­ren. Bei­de Län­der ha­ben aus Sicht der EU-Kom­mis­si­on ih­re Haus­auf­ga­ben bis­her so gut ge­macht, dass ei­ner Auf­nah­me von Bei­tritts­ver­hand­lun­gen 2019 nichts mehr im We­ge stün­de. Doch in ei­ni­gen Mit­glied­staa­ten, al­len vor­an in Frank­reich, aber auch in Deutsch­land oder den Nie­der­lan­den, herrscht of­fe­nes Miss­trau­en ge­gen­über die­ser Ein­schät­zung.

Nach den Er­fah­run­gen der Ver­gan­gen­heit ist die Sor­ge nicht völ­lig aus der Luft ge­grif­fen, dass die EU er­neut Mit­glie­der auf­neh­men könn­te, die die nö­ti­ge Bei­tritts­rei­fe noch nicht er­reicht ha­ben. Und, sei­en wir ehr­lich, ge­ra­de im Fal­le Al­ba­ni­ens spie­len auch Res­sen­ti­ments ge­gen den Is­lam ei­ne Rol­le. Es wä­re aber kurz­sich­tig, die Bal­kan­län­der we­gen sol­cher Vor­be­hal­te wei­ter vor den To­ren Eu­ro­pas schmo­ren zu las­sen. Hier geht es auch um un­se­re Si­cher­heit. Und ne­ben­bei um hand­fes­te wirt­schaft­li­che, mi­li­tä­ri­sche und stra­te­gi­sche In­ter­es­sen. Russ­land, die Tür­kei, neu­er­dings auch Chi­na, Sau­di-Ara­bi­en und Ka­tar ha­ben das längst be­grif­fen und ver­su­chen ih­ren Ein­fluss auf dem Bal­kan aus­zu­wei­ten.



Es ist ei­ne Fra­ge der Glaub­wür­dig­keit: Eu­ro­pa ist für vie­le Men­schen in der Re­gi­on der Ret­tungs­an­ker. Wenn sich nach 15 Jah­ren im War­te­raum der EU die Tür nicht we­nigs­tens ei­nen Spalt­breit öff­net, könn­te sich die oh­ne­hin schon sehr aus­ge­präg­te Ab­wan­de­rung Rich­tung Wes­ten noch ver­stär­ken. Es droht ei­ne fa­ta­le Ab­wärts­spi­ra­le, ein En­de der de­mo­kra­ti­schen Re­for­men und wo­mög­lich so­gar das Auf­flam­men neu­er, blu­ti­ger Kon­flik­te.

Wir soll­ten ge­lernt ha­ben, dass wir uns von den Fol­gen sol­cher Ent­wick­lun­gen an den Gren­zen der EU nicht ein­fach ab­kop­peln kön­nen. Des­we­gen sind jetzt auch in un­se­rem ei­ge­nen In­ter­es­se Lö­sun­gen ge­fragt, die den Bal­kan­län­dern ei­ne rea­le EU-Per­spek­ti­ve ver­schaf­fen. Zu lan­ge hat sich die EU-Kom­mis­si­on auf den vor­han­de­nen Er­wei­te­rungs­bau­kas­ten ver­las­sen. War­um nicht über in­tel­li­gen­te Al­ter­na­ti­ven nach­den­ken, die mit greif­ba­ren Zwi­schen­schrit­ten erst ei­ne wirt­schaft­li­che und dann erst die po­li­ti­sche In­te­gra­ti­on vor­an­trei­ben?

EU-Kom­mis­si­ons­chef Juncker hat sich die Idee in­zwi­schen zu ei­gen ge­macht und die Schaf­fung ei­nes ge­mein­sa­men Wirt­schafts­raums ins Spiel ge­bracht, ei­ne Art „Zoll­uni­on plus“. Es wä­re ei­ne Vor­stu­fe, die die Fort­schrit­te der Bal­kan­län­der ho­no­riert und ei­ne Hoff­nung auf ei­ne bes­se­re Zu­kunft ver­mit­telt, oh­ne ei­nen EU-Bei­tritt zu über­stür­zen. Denn bis da­hin ist es noch ein wei­ter Weg. Aber der ist in die­sem Fall viel­leicht noch wich­ti­ger als das Ziel.