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Infoveranstaltung in Saarbrücken
Todsicheres Endlager gesucht

Saarbrücken. Wohin mit all dem hochradioaktiven Müll? Bis 2031 braucht Deutschland dafür eine Lösung. Von Fatima Abbas

Es ist ein Tag im November 2004, eine Stunde Autofahrt von der deutschen Grenze entfernt. Avricourt in Lothringen. Ein junger Franzose kettet sich an die Gleise. Als der Zug einfährt, will er entkommen. Doch die acht Sekunden, die er hat, sind acht Sekunden zu wenig. Der Zug mit der hochradioaktiven Fracht überrollt ihn, durchtrennt ihm beide Beine. Sébastian Briat war sein Name, 21 Jahre alt, der erste Atomkraftgegner, der bei seiner Protestmission ums Leben kam. Ein Tod für Gorleben.

In das niedersächsische Zwischenlager war der Müll unterwegs, seit dem ersten Castortransport 1995 immer wieder. Ausgangspunkt war neben Sellafield in Großbritannien auch das französische La Hague. Spätestens seit Briats Tod sind die Transporte in ein Licht geraten, das kein strahlender Müll der Welt mehr überblenden kann. Die Endlagerfrage: eine Menschheitsaufgabe. Wolfram König rückt sie ins öffentliche Bewusstsein. Immer und immer wieder. In allen Hauptstädten der Republik, seit April. Dabei sagt er Sätze wie: „Gorleben ist zu einem Bild geworden für das Scheitern eines Vorhabens.“

An diesem Dienstagabend sagt er das in Raum K III der Saarbrücker Congresshalle. Nur wenige, knapp 20, hören ihm zu. Aber diejenigen, die ihm zuhören, stellen Fragen. Viele Fragen. Wohin mit all dem Müll? Was machen wir mit 30 000 Kubikmetern hochradioaktivem Material, mit 1900 Behältern voller Gift? Reihte man sie aneinander, wären sie ein elf Kilometer langer Zug. Wer den Castor öffnet und hineinschaut, stirbt.



König ist Präsident des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit. Vor einer gelbschwarzen Leinwand blickt er zurück: 2011, Reaktorkatastrophe von Fukushima. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt die Atom-Ära für beendet, der Bundestag beschließt den Ausstieg bis 2022. Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll also das letzte Atomkraftwerk in Deutschland vom Netz gehen. Sieben sind noch in Betrieb. Die nächste Abschaltung: Akw Phillipsburg bei Karlsruhe, bis 31. Dezember 2019.

Für den Müll gibt es 16 Zwischenlager, darunter Gorleben mit aktuell 113 Behältern. Spätestens bis 2036 soll es diese Zwischenlösungen nicht mehr geben. Die schwach- bis mittelradioaktiven Stoffe lagern ab 2027 im Schacht Konrad in Salzgitter. Die hochradioaktiven kommen ins Endlager. Das Areal x könnte bis zu zehn Quadratkilometer messen.

Im Februar 1977 hatte der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht über die Köpfe der Menschen hinweg verkündet, Gorleben solle dieses Endlager werden. 40 Jahre und unzählige Gleisblockaden später, im Mai 2017, zog der Gesetzgeber seine Lehren: nie wieder ohne die Bevölkerung. Alles auf Null. „Standortauswahlgesetz“. Deutschland sucht das Super-Endlager. Ein Favorit ist offiziell noch nicht in Sicht. Bis 2031 muss das Lager gefunden sein, ab 2050 in Betrieb gehen.

Drei Akteure sind direkt involviert. Das Bundesamt für kerntechische Entsorgungssicherheit, kurz Bfe. Es soll die Endlagersuche beaufsichtigen und die Menschen informieren. Dann die Bundesgesellschaft für Endlagerung, kurz BGE. Sie soll das Vorhaben umsetzen, erhält von den Landesbehörden geologische Infos. Und das Nationale Begleitgremium, das die Bürger im Prozess vertritt. Damit bloß nicht noch einmal der Gorleben-Eindruck entsteht. 

Wohl auch deshalb wollen die Referenten an diesem Abend das Saarland nicht explizit ausschließen. Trotz Bergbaugeschichte. Eigentlich ist Bergbau wie Vulkanismus ein K.o.-Kriterium. Denn das Gift soll tief ins Gestein, mindestens 300 Meter tief. Und das Gestein darf nicht beschädigt sein. Nur Kristallin, Salz oder Ton kommen als letzte Kern-Ruhestätte in Frage. 500 Jahre lang soll man den Uran- und Plutonium-Müll bergen können. Auf die Frage, wie denn die Menschheit, sagen wir mal in 450 Jahren, das Lager überhaupt noch erkennen soll, weiß auch König keine Antwort. Die Endlager-Manager im Dauer-Spagat zwischen sicher und unberechenbar. Zum Gesicherten gehören 24 Milliarden Euro. So viel haben die Akw-Betreiber im Juli 2017 in einen Entsorgungsfonds gezahlt. Der wirft Zinsen ab, der Staat schießt dazu. König rechnet vor. Das Atommüllmanagement wird Deutschland etwa 72 Milliarden Euro kosten. „Ob das reicht, weiß keiner.“ Achselzucken. „Ist das der richtige Weg?“, will der Mann in der vorderen Reihe wissen. „Es gibt keinen anderen Weg“, sagt König. Seine Behörde gibt es seit 2014. Natürlich werde dort auch Geld in Forschung investiert. Natürlich wäre es ideal, schon morgen die Technologie zu finden, die die hochradioaktiven Stoffe unschädlich macht. Oder wenn man den Müll einfach ins Ausland, ins All, in den Erdkern oder ins antarktische Eis abschieben könnte. Wäre da nicht die Realität.

Auslandsabschiebung ist seit 2005 verboten, All und Erdkern sind nicht umsetzbar, Antarktis ist allein schon durch den Klimawandel keine nachhaltige Lösung. Einfach wird es also nicht – das zeigen auch die Powerpoint-Folien. „Einschlusswirksam“, „Fluidwegsamkeit“, „Risswerke“. Als Laie alles verstehen zu wollen, ist so utopisch wie Atommüll auf dem Mond. Vielleicht erklärt dieses Nirvana auch den Eingangs-Versprecher der Moderatorin, die sich in Saarbrücken darüber freut, dass das Publikum „den Weg nach Wiesbaden“ gefunden hat. Sei es drum. Egal wo: Im Herbst 2020 wird ein Zwischenbericht vorgelegt. Dann weiß das Land, welche Regionen in Frage kommen. Erst dann geht es ans Erkunden. In Phase zwei noch über Tage, in Phase drei dann tief unten. Deadline 2031. Am Ende wird ein Name stehen. Niemand wird mehr an ihm rütteln können. Weder der Bundesrat noch das Volk. Der Bundestag hat das letzte Wort. Endlager-Endstation.