| 23:00 Uhr

Arbeitszeiten
100 Jahre Achtstundentag: Zum Jubiläum ist er wieder umstritten

Zwei Arbeiterinnen stellen im Jahre 1925 Kerzen her. Auf dem Papier galt in der Weimarer Republik erstmals der Achtstundentag.
Zwei Arbeiterinnen stellen im Jahre 1925 Kerzen her. Auf dem Papier galt in der Weimarer Republik erstmals der Achtstundentag. FOTO: picture alliance / ullstein bild / dpa Picture-Alliance / Gircke
Berlin. Die Wirklichkeit der Arbeitszeiten hat sich längst geändert. Und sie sollen sich noch weiter an die Digitalisierung anpassen, fordern die Arbeitgeber. Von Claus Haffert

„Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten.“ So steht es im Arbeitszeitgesetz von 1994. Doch der Achtstundentag hat eine viel längere Geschichte in Deutschland. Vor 100 Jahren einigten sich Unternehmer und Gewerkschaften zum ersten Mal auf diese Höchstarbeitszeit. Am 15. November 1918 unterzeichneten sie eine nach dem Großindustriellen Hugo Stinnes und dem Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Carl Legien, benannte Vereinbarung (Stinnes-Legien-Abkommen), die auf langjährige Forderungen der Arbeiterschaft einging.

Aus Furcht, die Novemberrevolution könne zur Verstaatlichung von Zechen und Stahlwerken führen, erkannten die Unternehmer die Gewerkschaften als legitime Vertretung der Beschäftigten an. Sie stimmten Tarifverträgen zu und bekannten sich grundsätzlich zum Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich. Zur Regel wurde die achtstündige Arbeitszeit in der Weimarer Republik deshalb nicht. „Das Prinzip des Achtstundentags wurde in den folgenden Jahren zunehmend durchlöchert“, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler.

Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die Alliierten den Achtstundentag wieder ein. In den 1950er Jahren wurde in der Industrie in der Regel 48 Stunden in der Woche gearbeitet, verteilt auf sechs Tage. Unter dem Motto „Samstags gehört Vati mir“ starteten die Gewerkschaften 1955 eine Kampagne für die Fünftagewoche mit 40 Arbeitsstunden, die dann nach und nach eingeführt wurde.



Heute ist der Achtstundentag wieder umstritten. „Der starre Achtstundentag ist Relikt einer Arbeitszeitordnung aus dem vergangenen Jahrhundert“, kritisiert die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Mit ihm ließen sich die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt nicht bewältigen.

Den Arbeitgebern ist vor allem die im Arbeitszeitgesetz festgeschriebene Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen von elf zusammenhängenden Stunden ein Dorn im Auge. Diese Regelung sei „vollkommen aus der Zeit gefallen“. Arbeitgeber und Beschäftigte müssten die Möglichkeit haben, die vereinbarte Arbeitszeit flexibel über die Woche zu verteilen. Dabei gehe es „nicht um Mehrarbeit, sondern um mehr Beweglichkeit“. Flexible Arbeitszeiten unterstützten die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und erleichterten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht durch die zunehmende Digitalisierung „Chancen für mehr selbstbestimmtes Arbeiten, für mehr Familienzeit und weniger Stress“. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten müsse aber im Einklang mit dem Achtstundentag stehen, fordert DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Schon heute stehe diese „extrem wichtige Grenze“ für viele Beschäftigte nur auf dem Papier, weil sie deutlich länger arbeiten und auch in der Freizeit oft erreichbar sein müssten.

Arbeitstage, die länger als acht Stunden dauern, sind nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin keine Ausnahme. Bei einer Umfrage hätten 2015 rund 34 Prozent der befragten Arbeitnehmer angegeben, einschließlich Pausen länger als neun Stunden bei der Arbeit zu sein. Zeitweise Überschreitungen des Achtstundentags lässt das Arbeitszeitgesetz zu, wenn innerhalb von sechs Monaten im Durchschnitt nicht länger als acht Stunden gearbeitet wird.

Ist der Achtstundentag also ein Auslaufmodell? Keineswegs, sagt der Arbeitsmarktforscher Prof. Gerhard Bosch von den Universität Duisburg-Essen. „Der Achtstundentag ist so etwas wie die zweite Haut von uns allen und als Rhythmus in unserer Gesellschaft verankert.“