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Andreas Preußer bei der größten Polarexpedition aller Zeiten
Ein ganzes Jahr im arktischen Eis

 Meereisphysiker arbeiten 2013 bei auffrischendem Wind und zunehmender Schneedrift während einer Polarsternexpedition auf dem Meereis. Im Herbst soll unter deutscher Leitung die größte Forschungsexpedition in die zentrale Arktis starten, die es jemals gegeben hat. Der Eisbrecher Polarstern soll dabei ein Jahr lang eingefroren im Packeis über die Polkappe driften. 
Meereisphysiker arbeiten 2013 bei auffrischendem Wind und zunehmender Schneedrift während einer Polarsternexpedition auf dem Meereis. Im Herbst soll unter deutscher Leitung die größte Forschungsexpedition in die zentrale Arktis starten, die es jemals gegeben hat. Der Eisbrecher Polarstern soll dabei ein Jahr lang eingefroren im Packeis über die Polkappe driften.  FOTO: dpa / Stefan Hendricks
Trier. Ein Trierer beteiligt sich an der größten Polar-Expedition aller Zeiten. In einer Eisscholle festgefroren wird das Forschungsschiff Richtung Nordpol treiben, während die Wissenschaftler neue Daten über eine Region sammeln, die das gesamte Weltklima beeinflusst. Andreas Preußer misst Windgeschwindigkeiten. Und er wurde im Umgang mit Eisbären geschult. Katharina De Mos

Bei minus 45 Grad werden sie sich mit einer Eisscholle durch die Dunkelheit des arktischen Winters treiben lassen. Ihr Forschungsschiff gefangen im Eis. Weit, weit weg vom Rest der Welt.

Es ist die größte Polarexpedition aller Zeiten. Eine Expedition, wie es sie noch nie gab – nicht nur, weil sich Hunderte Wissenschaftler aus 19 Nationen beteiligen. Sondern auch, weil die Polarstern unter extremsten Bedingungen mehr als ein ganzes Jahr auf Reise geht.

Mit an Bord: Der Trierer Umweltwissenschaftler Dr. Andreas Preußer. Denn das von Prof. Dr. Günther Heinemann geleitete Fach Umweltmeteorologie beteiligt sich an der außergewöhnlichen Mission. Schon öfter waren Trierer Wissenschaftler mit der Polarstern in der Arktis. Allerdings noch nie im Winter. Gemeinsam mit den anderen ist Preußer am gestrigen Freitag, 20. September, im norwegischen Tromsø an Bord des Forschungsschiffs gestiegen und nun unterwegs Richtung Sibirien. Ziel der Expedition, die den Namen „Mosaic“ trägt – was für „Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate“ steht: Das „Epizentrum der globalen Erwärmung“ so intensiv zu erforschen wie noch nie, um den Klimawandel besser verstehen zu können.



Kaum eine Region des Planeten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark erwärmt wie die Arktis. „Von den Prozessen, die dort stattfinden, wird das ganze Klima beeinflusst“, sagt Preußer. Er und die anderen Forscher treten nun in die Fußstapfen des legendären Polarforschers Fridtjof Nansen, der sich mit seinem hölzernen Forschungsschiff Fram von 1893 bis 1896 im Packeis festfrieren ließ. Genau wie damals bestimmt allein die Naturgewalt des driftenden Eises den Kurs. Anders als damals wird das Team diesmal jedoch durch eine internationale Flotte von Eisbrechern, Helikoptern und Flugzeugen auf seiner extremen Route versorgt – soweit dies während des Polarwinters möglich ist.

Das Alfred-Wegener-Institut, das die Expedition leitet, ist überzeugt:  „Sie wird ein Meilenstein für die Klimaforschung, ihre Daten werden wertvoll für Generationen sein.“

Die erste große Herausforderung ist es, in Zeiten des Klimawandels überhaupt eine Eisscholle zu finden, die groß und stabil genug ist: 1,5 Meter stark und mehrere Quadratkilometer groß muss sie sein, um das Forscher-Camp zu tragen und lang genug, damit Flugzeuge darauf landen können. „Es gibt sehr viele offene Stellen im Eis“, sagt der Trierer Wissenschaftler. Mit Hilfe von Satellitenbildern hat die Suche nach einer geeigneten Fläche bereits vor Wochen begonnen.

Sobald das perfekte Eis gefunden ist, werden die Forschungsteams mit Hilfe eines Begleitschiffs im Umkreis von bis zu 50 Kilometern um die Polarstern ein Netzwerk von Forschungsstationen aufbauen. ­Helikopter, Raupenfahrzeuge und Schneemobile dienen als Transportmittel.

Fünf Forschungsschwerpunkte gibt es: die Physik des Meereises und der Schneeauflage, die Prozesse in der Atmosphäre sowie im Ozean, die biogeochemischen Kreisläufe und das Ökosystem der Arktis. Preußer gehört zum „Atmosphärenteam“. Mit einem Laserinstrument wird er Lichtstrahlen bis etwa tausend Meter hoch in die Atmosphäre schießen und so unter anderem Profile der Windgeschwindigkeiten erstellen. Ziel ist es, herauszufinden wie sich das Windgeschehen im Laufe eines Jahres entwickelt, wie sich Ereignisse im Meereis auf die Dynamik des Windes auswirken oder was beim Übergang von totaler Dunkelheit zum ersten Sonnenlicht in der unteren Atmosphäre passiert.

Die Daten, die die Wissenschaftler gewinnen, können dann in Wetter- und Klimamodelle einfließen. Diese weisen aktuell noch große Lücken auf. Die Dramatik der Erwärmung in der Arktis werde in den heutigen Klimamodellen nicht in vollem Umfang wiedergegeben und die Unsicherheiten der Klimaprognosen für die Arktis seien enorm, sagt Expeditionsleiter Markus Rex. „Deshalb müssen wir vor allem im Winter die Prozesse im Klimageschehen umfassend studieren.“

Was in der Arktis passiert, wirkt sich auch heute schon in Europa, Asien und Nordamerika aus: Weil die Temperaturunterschiede zwischen Arktis und Tropen geringer werden, kann polare Kaltluft in die gemäßigten Breiten gelangen und umgekehrt warme, feuchte Luft in die zentrale Arktis – wodurch diese sich noch schneller erwärmt. „Schon seit ich mich 2010 in meinem Bachelor-Studium erstmals intensiver mit der Arktis beschäftigt habe, hat sie sich in vielen Bereichen enorm verändert. Neun Jahre sind dafür ein sehr kurzer Zeitraum“, sagt Andreas Preußer.

Dem  33-Jährigen ist das Risiko bewusst, dass die neuen Erkenntnisse auch dazu verwendet werden könnten, die Region wirtschaftlich weiter zu erschließen und somit Natur und Umwelt weiteren Gefahren auszusetzen. „Angesichts der bereits eingeleiteten Maßnahmen ist es nahezu ausgeschlossen, dass die Anrainerstaaten der Arktis von der weiteren wirtschaftlichen Erschließung der Arktis abrücken werden. Ich wünsche mir aber sehr, dass auch die Ergebnisse dieser Expedition dazu beitragen werden, die richtigen Schlüsse zu ziehen, so dass wenigstens die Kernbereiche der zentralen Arktis unberührt bleiben können.“

Kernbereiche, in denen Preußer bald bei -45 Grad Celsius arbeiten wird. Wie schützt man sich vor derart lebensfeindlichen Temperaturen? „Dick anziehen – nach dem Zwiebelprinzip – und Fettcremes auftragen“, sagt der Trierer, der nicht zum ersten Mal Richtung Nordpol fährt. Jeder Teilnehmer bekomme einen großen Seesack voller Spezialkleidung, darunter auch ein schwimmfähiger Anzug, der selbst im eisigsten Wasser noch wärmt. Eine Vorsichtsmaßnahme für den Fall, dass jemand ins Meer fällt. Kann es doch passieren, dass sich im Eis Spalten bilden, die man nicht sieht, weil sie vom Schnee zugeweht wurden.

Auch medizinische Notfälle können eintreten. Ein Chirurg begleitet die Expedition, ein OP-Raum befindet sich an Bord. Der Arzt muss Brüche, Herzinfarkte oder Verbrennungen gleichermaßen versorgen können. Denn bis es möglich ist, einen Patienten von Bord zu bringen, kann es Wochen dauern. „Aber selbst im allerbesten Fall sind es vier Tage, bis er im Krankenhaus ist“, sagt Rex.

Als größte Herausforderung sieht der Trierer nicht die extreme Kälte, sondern die lange Polarnacht. Anfang bis Mitte Oktober werden die Forscher noch etwa vier Stunden lang bei Tageslicht arbeiten können. Ab Ende Oktober steht die Sonne dann so weit unter dem Horizont, dass kein Tageslicht mehr zu sehen ist. Das Institut organisiere allerdings ein Freizeitprogramm, das Winterdepressionen verhindern soll.

Unvorbereitet ist der Trierer nicht: Er hat zahlreiche medizinische Untersuchungen hinter sich ebenso wie einen Lehrgang in Sicherheit und Überleben auf See und „ein Eisbärentraining“. Und was macht man, wenn ein Eisbär kommt? Laute Töne und Bengalo-Lichter helfen dabei, die Tiere zu vertreiben, erklärt Preußer. Zur Sicherheit gibt es aber auch ein sechsköpfiges Eisbärenschutzteam mit langjähriger Erfahrung. Ein Teil der wissenschaftlichen Besatzung wurde zusätzlich auch im Umgang mit Waffen geschult.

Wenn Preußer Mitte Dezember die Eisscholle verlässt, um mit einem russischen Eisbrecher nach Tromsø zurückzukehren, wird ihn die meiste Zeit permanente Finsternis umgeben haben. Das Trierer Windmess-Instrument wird dann  von Kollegen aus Großbritannien weiter betreut. Das Personal rotiert: Die Reise ist in sechs Fahrtabschnitte unterteilt, insgesamt 600 Wissenschaftler und Crewmitglieder werden regelmäßig ausgetauscht.

Anfang 2020 müsste der Trierer Forscher wieder in seiner Heimat sein, wo die Umweltmeteorologen dann die in der Arktis neu gewonnenen Daten auswerten.

„Dieses Gebiet weiter zu erforschen, fasziniert mich sehr“, sagt Preußer,  der grüne Hügel in den kommenden Monaten gegen die für ihn so beeindruckende „schiere Weite, Schönheit und Ruhe der Arktis“ eintauscht, gegen lebensfeindliche Kälte, um mehr über die globale Erwärmung zu lernen.

 Ein Eisbär steht  auf einer Eisscholle. 
Ein Eisbär steht  auf einer Eisscholle.  FOTO: dpa / Ulf Mauder