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Zehn Jahre Rauchfreie Gastronomie
Als die Kippe in der Kneipe tabu wurde

Rauchen verboten: Vor zehn Jahren, am 1. Juli 2008, erließen mit Thüringen und NRW die letzten Bundesländer Rauchverbote in Gaststätten. Seitdem gilt ein regionaler Flickenteppich, vom Komplettverbot bis zu Ausnahmen.
Rauchen verboten: Vor zehn Jahren, am 1. Juli 2008, erließen mit Thüringen und NRW die letzten Bundesländer Rauchverbote in Gaststätten. Seitdem gilt ein regionaler Flickenteppich, vom Komplettverbot bis zu Ausnahmen. FOTO: dpa / Frank May
Berlin. Was damals unvorstellbar schien, kommt heute gut an. Seit zehn Jahren gelten bundesweit Rauchverbote in der Gastronomie. Mit spürbaren Folgen.

Die Trauer um das Berliner Narkose-Stübchen ist unübersehbar. „Dieter, Dieter, warum hast du uns verlassen?“, steht an einer Jalousie geschrieben. Die traditionelle Raucherkneipe am Rathaus Schöneberg ist dicht. Der Wirt ist gestorben, heißt es. Wieder ein Refugium weniger für jene, die in der Kneipe qualmen wollen. Gestern vor zehn Jahren, am 1. Juli 2008, machten mit Thüringen und Nordrhein-Westfalen die beiden letzten deutschen Bundesländer ernst mit neuen Gesetzen zum (Nicht-)Rauchen in Gaststätten. Seitdem gibt es in den Ländern einen Flickenteppich von Regelungen. Sie reichen vom totalen Rauchverbot wie in Bayern oder im Saarland über Ausnahmen in Nebenräumen oder kleinen Kneipen wie in Rheinland-Pfalz bis hin zu reinen Raucherkneipen für Gäste ab 18 Jahren wie in Berlin. Auch wenn mancherorts immer noch geraucht werden darf: Der Nichtraucherschutz hat sich insgesamt deutlich verbessert. Man kann in die Kneipe gehen, ohne zugequalmt zu werden. Aber hat das etwas gebracht – mit Blick auf Gesellschaft und Gesundheit?

Eine ganze Menge, findet Katrin Schaller, beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zuständig für Prävention. „In der Gesellschaft hat sich das Bild vom Raucher auch durch die Gesetze gewandelt“, sagt sie. „Raucher, das sind jetzt die, die in der Kneipe vor der Tür stehen müssen und am Bahnhof nur in die gelb markierten Kästchen dürfen.“ Es sei eine andere Wahrnehmung, vor allem für junge Leute. „Die Normalität des Rauchens ist aus dem Blick“, sagt Schaller. Das hat Folgen. In Umfragen finden heute bis zu 80 Prozent der 18- bis 25-Jährigen eine rauchfreie Umgebung gut.

Das spürt auch Wirt Sylvio Bley in seiner Berliner Eckkneipe, gar nicht weit vom Ex-Narkose-Stübchen entfernt. „Willi Mangler“ heißt sein Laden, weil der frühere Wirt so hieß. Bley ließ bei der Übernahme 2011 alles wie gehabt. Nur ein separater Raucherraum musste her. Überall sonst herrscht Rauchverbot. Die Jüngeren fragten kaum noch nach Aschenbechern, sagt Bley.



Das entspricht dem Trend, wie die Raucher-Statistiken der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigen. Rauchte vor 20 Jahren noch mehr als ein Viertel der Zwölf- bis 17-Jährigen (28 Prozent), waren es nach den jüngsten Zahlen für 2016 nur noch 7,4 Prozent. Ein historischer Tiefstand. Bei jungen Leuten zwischen 18 und 25 hätten sich die Raucherquoten im Vergleich zu 1998 halbiert – auf jüngst 26 Prozent.

Hat diese Entwicklung mit den Gesetzen von 2008 zu tun? „Es gibt sicher nicht nur einen Grund, warum Jugendliche Rauchen zunehmend als uncool empfinden“, sagt Referentin Michaela Goecke. Sie führt es auf die Kombination von Rauchverboten, Preiserhöhungen und der intensiven Aufklärung über die Risiken des Rauchens und Passivrauchens zurück – vor allem an Schulen. Doch auch bei den Älteren tut sich etwas. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre sei der Zigarettenkonsum bei Männern um etwa fünf auf etwa 30 Prozent gesunken. Kaum Veränderungen gab es dagegen bei den Frauen (zwischen 20 und 26 Prozent). Vielen fällt es schwer, aufzuhören. Eine befürchtete Gewichtszunahme spielt dabei auch eine Rolle. Es gibt auch weitere Trends: Rauchen ist heute ein Phänomen sozial schwächerer Schichten. Und es gibt es neue Nischen, etwa die umstrittenen E-Zigaretten.

Wirt Sylvio Bley ist kein Rauchverbot-Kritiker. „Heute frag‘ ich mich, wie ich das früher mit dem ganzen Zigarettenqualm überhaupt ausgehalten habe“, sagt er. Auch die meisten Gäste wollten nicht mehr eingenebelt werden. Doch ohne Raucherraum gehe es nicht. Sonst drohten wohl Einbußen. In Ländern mit Komplett-Verbot musste so manche Eckkneipe schließen.

Sind die Deutschen nach zehn Jahren in rauchfreien Kneipen gesünder? Bei Krebs lässt sich das noch nicht feststellen, sagt Katrin Schaller. Zwar sind rund 80 Prozent der Lungenkrebsfälle auf das Rauchen zurückzuführen, dazu kommen weitere Tumore. Wegen der langen Latenzzeit von Krebs sei es aber noch zu früh zu sagen, ob die Gesetze diese Krebsraten sinken lassen. Zu beobachten sei aber ein Rückgang bei Herzinfarkten.

Sylvio Bley ist Wirt in Berlin, wo es Ausnahmen beim Rauchverbot gibt.
Sylvio Bley ist Wirt in Berlin, wo es Ausnahmen beim Rauchverbot gibt. FOTO: dpa / Christoph Soeder