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Grüne auf dem Vormarsch
Beflügelt, aber nicht abgehoben

Wird er der nächste hessische Ministerpräsident? Tarek Al-Wazir, Spitzenkandidat der Grünen bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag, kann auf ein gutes Ergebnis hoffen, wenn es nach den aktuellen Umfragen geht. Hier tritt er gemeinsam mit der Grünen-Bundeschefin Annalena Baerbock auf.
Wird er der nächste hessische Ministerpräsident? Tarek Al-Wazir, Spitzenkandidat der Grünen bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag, kann auf ein gutes Ergebnis hoffen, wenn es nach den aktuellen Umfragen geht. Hier tritt er gemeinsam mit der Grünen-Bundeschefin Annalena Baerbock auf. FOTO: dpa / Jens Büttner
Berlin. Öko auf der Überholspur: Der grüne Tarek Al-Wazir hat gute Chancen, nach der Hessen-Wahl am Sonntag Ministerpräsident zu werden. Von Stefan Vetter

Die Landtagswahl in Hessen findet erst am kommenden Sonntag statt. Aber der Spitzenkandidat der Grünen, Tarek Al-Wazir, lief gestern schon mal in der Berliner Parteizentrale auf, um sich den Fragen von Journalisten zu stellen. Ist das pure Siegesgewissheit? Immerhin wird der 47-jährige Hoffnungsträger mit deutsch-jemenitischen Wurzeln bereits als kommender hessischer Regierungschef gehandelt. Es wäre der zweite mit grünem Parteibuch, nachdem Winfried Kretschmann dieser Coup erstmals 2011 in Baden-Württemberg gelang.

Al-Wazir indes dämpfte einmal mehr die Erwartungen. Nur nicht abheben, sondern hübsch auf dem Teppich bleiben. Auf diese Haltung legt der amtierende Landes-Wirtschaftsminister vor dem Hintergrund der grünen Höhenflüge in den Umfragen schon länger Wert. Gestern suchte er sie auch der Hauptstadt-Presse zu verkaufen. „Stimmungen sind noch keine Stimmen“, wiederholte er sich da. Am Ende müsse man sehen, „was in der Sache geht“. Allerdings wollten die Grünen „so stark werden, dass keiner an uns vorbeikommt“, so Al-Wazir. Ob er denn schon Lust auf den Posten als Regierungschef verspüre? „Netter Versuch“, wehrte er die Frage ab. Wahlkampf ist auch ein Spiel mit den Medien.

Dabei scheint den Grünen in diesen Tagen so ziemlich alles zu gelingen, egal was sie ins Auge fassen. Schon die 17,5 Prozent bei der Bayern-Wahl waren eine mittlere Sensation. In Hessen dürfte dieses Ergebnis noch getoppt werden. Aktuellen Umfragen zufolge sind für die Grünen bis zu 22 Prozent drin. Manche Demoskopen sehen die Partei erneut vor der SPD. Das eröffnet viele Farbenspiele. Zwar würde der amtierende Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) gern mit den Grünen weiter regieren, und Al-Wazir hätte angesichts der überraschend gedeihlichen Kooperation mit der Union in den vergangenen fünf Jahren wohl auch nichts dagegen. Hessen sei „grüner und gerechter“ geworden, meinte der Spitzenkandidat. Man habe eine „gute Regierungsbilanz“ vorzuweisen. Eine Festlegung ist das aber noch lange nicht. „Jeder kämpft für sich. Es gibt keinen Koalitionswahlkampf“, stellte Al-Wazir klar.



Ob es erneut für Schwarz-Grün reicht, ist angesichts der deutlichen Sympathieverluste für Bouffiers CDU ohnehin fraglich. Im Bereich des Möglichen liegen aktuell auch ein Jamaika- Bündnis aus CDU, Grünen und FDP, eine Ampel-Regierung oder Rot-Grün-Rot beziehungsweise Grün-Rot-Rot. Über seine spezielle Vorliebe hielt sich Al-Wazir aber bedeckt. Im besten Fall kann man es sich aussuchen. Jenseits von Hessen ist das grüne Regierungsleben schon jetzt ziemlich bunt: In Baden-Württemberg Grün-Schwarz, in Rheinland-Pfalz eine Ampel und in Sachsen-Anhalt eine Kenia-Koalition gemeinsam mit CDU und SPD.

Genauso wie bereits in Bayern hat der grüne Vormarsch in Hessen viel mit dem miserablen Zustand der großen Koalition in Berlin zu tun. Auch im Bund wird die Partei aktuell auf einen Stimmenanteil von bis zu 21 Prozent taxiert. Gegen den Polit-Krawall an der Spree wirkt die schwarz-grüne Landesregierung in Hessen wie ein Hort der Stabilität. Und ein Bündnis aus Union und SPD wäre nach den Worten Al-Wazirs auch in seinem Bundesland das Letzte, was man brauchen könnte. Selbstbeschäftigung und Personalspekulationen hätten die Menschen schlicht satt, meinte Al-Wazir mit Blick auf die politischen Turbulenzen in der Hauptstadt.

Zur optischen Untermalung dieser Botschaft posierte er am Ende gemeinsam mit Grünen-Chefin Annalena Baerbock vor einem großflächigen Wahlplakat mit seinem Konterfei und der Aufschrift: „Tarek statt GroKo“. So viel grünes Selbstbewusstsein muss dann doch sein.