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Vorwürfe gegen den Iran
Akten, Anschuldigungen, Angst vor Krieg

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zeigt auf einer Karte das „geheime Atomarchiv“ in Teheran, das Agenten des Mossad aufgespürt haben wollen.
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zeigt auf einer Karte das „geheime Atomarchiv“ in Teheran, das Agenten des Mossad aufgespürt haben wollen. FOTO: Sebastian Scheiner / dpa
Tel Aviv/Teheran/Damaskus. Israel präsentiert angebliche Beweise für ein iranisches Atomwaffenprogramm. Warum jetzt – und kann das stimmen?

Die Todfeinde sind seit Wochen auf Kollisionskurs. Israels Luftwaffe greift immer wieder in Syrien an und zielt auf Stellungen des Irans und der mit ihm verbündeten Hisbollah. Nach einer schweren Attacke Anfang April, bei dem auch sieben Iraner getötet wurden, drohte Teheran in drastischen Worten, dass Israel „früher oder später die Antwort“ erhalten und seine Taten bereuen werde. Israel fürchtet nun einen Gegenangriff von syrischem Boden aus, mit Raketen oder Drohnen.

Die Sorge vor einem großen Krieg wächst. Mehr denn je seit Montagabend, seit der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu der Führung in Teheran in einer dramatischen Präsentation vorwarf, sie habe umfangreiches Know-how zum Atomwaffenbau heimlich aufbewahrt – für einen möglichen künftigen Gebrauch. Dies ist eine der Ur-Ängste Israels – ein mit Atomwaffen aufgerüsteter Iran, der den jüdischen Staat per Knopfdruck vernichten könnte. Netanjahu gilt als einer der schärfsten Gegner der internationalen Atomvereinbarung mit dem Iran. Er hat immer wieder gefordert, den Vertrag nachzubessern oder aufzukündigen. Kein Wunder also, dass er seine angeblichen Beweise ausgerechnet jetzt öffentlich machte: US-Präsident Donald Trump muss bis zum 12. Mai entscheiden, ob von den USA ausgesetzte Sanktionen gegen den Iran außer Kraft bleiben. Dies wird de facto auch als Entscheidung über den Verbleib der USA in dem Abkommen angesehen.

Netanjahu berichtete am Montag, nach der Unterzeichnung des Atomdeals im Juli 2015 habe der Iran seine Bemühungen verstärkt, geheime Nuklearakten zu verstecken. 2017 seien diese an einen geheimen Ort in Teheran verlegt worden. „Vor einigen Wochen hat Israel in einem großartigen Geheimdienst­erfolg eine halbe Tonne der Dokumente in Tresoren sichergestellt“, sagte Netanjahu. Es handele sich um 55 000 Seiten sowie weitere 55 000 Dokumente auf 183 Daten-CDs, darauf unter anderem Videos, Präsentationen und Baupläne. Neben den USA werde Israel sie auch mit anderen Ländern und der Internationalen Atomenergiebehörde teilen.



Der Iran habe jahrelang ein geheimes Atomwaffenprogramm namens „Amad“ verfolgt, erklärte der Premier. „Wir können jetzt beweisen, dass Amad ein umfassendes Projekt war, das zum Entwurf, Bau und Testen nuklearer Waffen diente.“ Der Iran baue außerdem die Reichweite seiner Raketen, die mit Atomwaffen bestückt werden könnten, immer weiter aus. „Sie sind jetzt bei etwa 2000 Kilometern, sie können Riad, Tel Aviv, Moskau erreichen.“ Sie strebten aber noch „viel größere Reichweiten“ an. Der Iran habe das Projekt Amad unter internationalem Druck beenden müssen, „aber er hat seine nuklearen Ambitionen nicht aufgegeben“. Die Arbeit werde heute von einer Organisation innerhalb des iranischen Verteidigungsministeriums heimlich fortgesetzt.

Netanjahu bezichtigte iranische Politiker der Lüge, weil diese wiederholt behauptet hätten, das Land habe nie an Atomwaffen geforscht. Das aufgespürte Material könne zum Bau von „fünf Hiroshima-Bomben“ dienen. Die Informationen seien von den USA verifiziert worden. „Der Iran hat gelogen, als er sagte, er habe nie ein Atomwaffenprogramm gehabt“, betonte Netanjahu. Daher hätte das Atomabkommen, dieser „schreckliche Deal“, nie unterzeichnet werden dürfen

Wenig überraschend wies der Iran die schweren Anschuldigungen umgehend zurück. Die angeblichen Beweise seien das Werk eines „eingefleischten Lügners, dem die Ideen ausgehen“. Die Atomenergiebehörde habe sich mit diesen „aufgewärmten, alten“ Vorwürfen bereits auseinandergesetzt,  erklärte Außenminister Mohamed Dschawad Sarif. Tatsächlich hat die IAEA nach eigenen Angaben seit 2009 keine glaubwürdigen Hinweise mehr darauf, dass der Iran an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet. Sie warnt vor einem Ende des Atom­deals. Ein solcher Schritt wäre ein großer Verlust für die Überwachung nuklearen Materials und für das gemeinsame politische Handeln, sagte IAEA-Chef Yukiya Amano.

Große Zweifel an Netanjahus Ausführungen äußerte gestern auch der ehemalige Leiter der israelischen Atomenergiekommission, Uzi Eilam: „Alles, was Netanjahu bei seiner Präsentation gesagt hat, war Geschichte, und kein Beweis dafür, dass die Iraner den Vertrag nicht einhalten.“ Das einzig Neue sei die Tatsache, „dass unser Geheimdienst, vielleicht der Mossad, sehr umfassende Unterlagen in die Hände bekommen hat und in der Lage war, sie nach Israel zu bringen“, sagte Eilam.

Beweise, Lügen, was auch immer: Die Angst vor einer Eskalation in der Region ist seit Montagabend keinesfalls kleiner geworden.

Benjamin Netanjahu
Benjamin Netanjahu FOTO: Jinipix / dpa
Mohammed Dschawad Sarif
Mohammed Dschawad Sarif FOTO: Andreas Gebert / dpa