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Geschichte des 9. November
Der 9. November, ein deutscher Schicksalstag

Berlin. Mauerfall, Hitler-Putsch, Novemberrevolution und Pogromnacht: Kein anderes Datum hat Deutschland so geprägt wie das, was sich am Samstag jährt. Von Christoph Arens, kna

Er ist der wohl deutscheste aller Tage des Jahres. Wenn die Deutschen am 9. November auf ihre Geschichte zurückblicken, sehen sie absolute Tiefpunkte, aber auch Sternstunden. Es gibt eine Konkurrenz der Gedenktage. Jedes Jahr stellt sich deshalb neu die Frage, welche Aspekte in den Vordergrund gerückt werden sollten.

Der 9. November – ein Schicksalstag, an dem sich deutsche Geschichte verdichtet und in ihren Widersprüchen deutlich wird: In diesem Jahr richtet sich die weitaus größte Aufmerksamkeit auf den Mauerfall vor 30 Jahren. Endlich mal eine geglückte und friedliche Revolution – der glücklichste 9. November in der Geschichte der Deutschen. Weil die DDR-Bürger an diesem 9. November 1989 letztlich den Weg zur Wiedervereinigung frei machten, war dieser Gedenktag zeitweilig sogar als Nationalfeiertag des vereinigten Deutschland in der Diskussion.

Doch ein freudiger Gedenktag hätte daraus nie werden können. Denn der 9. November markiert auch eine der dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte, den Absturz eines kulturell vermeintlich hoch stehenden Landes in die Barbarei: Am Abend des 9. November 1938 vollzog sich in Deutschland das bis dahin größte Judenpogrom der Neuzeit in Mitteleuropa. Mehr als 1300 Menschen starben; mehr als 1400 Synagogen und Gebetsräume im Deutschen Reich wurden verwüstet und etwa 7500 Geschäfte geplündert. Mehr als 30 000 Juden wurden in Konzentrationslager gebracht. Ein Zivilisationsbruch: Von den Novemberpogromen führte der Weg nach Auschwitz, Treblinka und Buchenwald. Weil sich die Gewalt der „Reichskristallnacht“ im vergangenen Jahr zum 80. Mal jährte, nahmen sie eine prominente Rolle in Politiker-Reden, Ausstellungen und Medienbeiträgen ein. Doch überlagert wurde die Erinnerung von einem anderen Moment der deutschen Geschichte: der Novemberrevolution, dem Ende der Monarchie und der Ausrufung der Republik in Berlin am 9. November 1918, also 100 Jahre zuvor.



Dieser Tag, an dem der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die Republik ausrief, gilt als die Geburtsstunde der parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Dennoch habe er in der Erinnerungskultur nie den Platz gefunden, der ihm zustehe, sagte damals Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der den Deutschen ihre Demokratiegeschichte näher bringen möchte. Die Weimarer Republik werde fast nie von ihrem Anfang und von ihren Chancen her gedacht, sondern meist ausgehend von ihrem Ende im Jahr 1933 durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Doch mit diesen Meilensteinen der Geschichte ist der 9. November noch nicht ausreichend als Gedenktag beschrieben. Am 9. November 1923 brach der sogenannte Hitler-Putsch gegen die demokratische Reichsregierung in München kläglich zusammen. Ebenfalls am 9. November, diesmal 1939, scheiterte allerdings auch der geplante Bombenanschlag des Handwerkers Georg Elser auf Hitler. Er hätte womöglich den Zweiten Weltkrieg noch verhindern können.

Weithin verschwunden aus der deutschen Gedenkkultur ist der 9. November 1848. Die standrechtliche Hinrichtung des republikanischen Parlamentsabgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung, Robert Blum, nach dem Oktoberaufstand in Wien bedeutete eine offene Kampfansage der Vertreter der Monarchie gegen das aus der bürgerlichen Märzrevolution hervorgegangene erste demokratisch gewählte gesamtdeutsche Parlament. Die Hinrichtung Blums markierte einen entscheidenden Wendepunkt: den Anfang vom Ende dieser Revolution.