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470 500 Ausländer weniger in Deutschland als gedacht

Wiesbaden. Der Zensus 2011 ist eine Momentaufnahme. Auch wenn sich die deutsche Bevölkerung seither wieder gewandelt hat – die Details haben Folgen für Regionalplanung, Wissenschaft und Steuern. dpa-Mitarbeiterin Ira Schaible

Es sind durchaus verblüffende Erkenntnisse, mit denen der amtliche Zensus, also die Vollerhebung vor drei Jahren, gestern aufwartete: Danach leben deutlich weniger Ausländer in Deutschland als erwartet. Auch ist der Anteil der Verheirateten an der Bevölkerung etwas höher und der der 18- bis 45-Jährigen etwas niedriger als bisher angenommen. "Wir wissen jetzt wieder genauer, wie viele Menschen in Deutschland leben, und wie viele wir in den einzelnen Altersgruppen sind", sagt Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Er weiß: Die genauen Daten haben durchaus Folgen - gerade für die Verteilung staatlicher Mittel. "Es ist zum Beispiel für die Schulplanung wichtig zu wissen, wie viele Kinder in einer Region wohnen. Sonst besteht die Gefahr, dass Fehlinvestitionen in die Infrastruktur getroffen werden." Die Zahlen sind auch für die Prognose der Lebenserwartung und der Geburten von Bedeutung. Klüsener: "Gerade in den oberen Altersgruppen wussten wir, dass die bisherigen Zahlen sehr unzuverlässig sind, was gerade für die Berechnung der Lebenserwartung sehr problematisch ist." Rechnerisch kommen auf 100 Menschen im Erwerbsalter (20 bis 64 Jahre) zusammen 64,1 Rentner und unter 20-Jährige. Bislang waren die Statistiker von 63,8 ausgegangen.

Eine weitere Erkenntnis: Aus den neuen Zahlen könnten sich gerade für die Lebenserwartung von Ausländern in Deutschland erhebliche Veränderungen ergeben, die auch für das Gesundheitssystem relevant seien. "Viele Migranten, die in Deutschland arbeiten, kehren nach dem Arbeitsleben in ihre Heimatländer zurück, um dort den Ruhestand zu verbringen." Sie meldeten sich aber oft nicht ab. Das heißt: In Deutschland leben weniger Ausländer als bisher angenommen, aber dennoch so viele wie nie zuvor. Knapp 6,2 Millionen Menschen ohne deutschen Pass wohnten demnach im Mai 2011 in der Bundesrepublik, etwa 7,7 Prozent aller Einwohner. Das waren rund 470 500 Menschen oder 4,7 Prozent weniger als das Ausländerzentralregister zum gleichen Zeitpunkt erfasst hatte. Die größte Gruppe sind Türken, inzwischen nicht mehr gefolgt von Italienern, sondern von Polen.

Kopfzerbrechen bereitet den Statistikern die Gruppe der 20- bis 40-Jährigen. Denn sie sind besonders mobil. Dabei sei es wichtig zu wissen, wie viele Frauen dieser Altersgruppe in einer Region lebten, erläutert der Forscher. Dies lasse beispielsweise Rückschlüsse auf die Zahl der Geburten in Städten im Vergleich zu ländlichen Regionen zu. "Die Daten sind für die Bevölkerungsforschung und für Prognosen wichtig", sagt Manuel Slupina vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung. "Es geht aber vor allem um die finanzielle Zuwendung für die Länder, vor allem aber für die Kommunen und Kreise." Denn was Länder aus dem Länderfinanzausgleich bekommen oder Kommunen als Zuweisungen vom Land, richtet sich auch nach der Einwohnerzahl.

"Allerdings hat der Zensus auch seine Schwächen", räumt Klüsener ein. "Es ist keine Vollzählung durchgeführt worden. Das ist insbesondere ein Problem, wenn man bedenkt, wie lange in Deutschland nicht gezählt worden ist." In Ostdeutschland war 1981 das letzte Mal, in Westdeutschland 1987. "Das sind Zeiträume, die man in fast keinem Land der Welt findet", sagt Klüsener. "Jetzt hat Deutschland eine registergestützte Zählung auf Basis eines relativ ungenauen Registerstandes durchgeführt. Wissenschaftliche Überprüfungen werden zeigen, wie belastbar die erhobenen Daten sind."