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30 Jahre danach
Die Mauer ist weg – und doch da

  Pflastersteine wie hier in der Zimmerstraße markieren den früheren Verlauf der Berliner Mauer.
Pflastersteine wie hier in der Zimmerstraße markieren den früheren Verlauf der Berliner Mauer. FOTO: dpa-tmn / Zacharie Scheurer
Berlin. 30 Jahre nach ihrem Fall suchen Berlin-Besucher immer noch das Ungetüm Von Hagen Strauss

Die Mauer ist weg. Nur noch an ganz wenigen Stellen findet man Reste des „antifaschistischen Schutzwalls“, wie sie im DDR-Politjargon hieß. Dennoch ist das Ungetüm von einst, das Symbol für die deutsch-deutsche Teilung, nach wie vor ein Publikumsmagnet. 30 Jahre nach ihrem Fall.

Der Verlauf der Mauer ist in Berlin lediglich noch durch abgesetzte Pflastersteine erkennbar. Sie ziehen sich in einer Linie durch Mitte entlang des Brandenburger Tores bis hin zum Potsdamer Platz. Nachdem vor 30 Jahren SED-Politbüromitglied Günter Schabowski seinen historischen Satz: „Das trifft nach meiner Kenntnis…, ist das sofort, unverzüglich“, gestammelt und die Grenzen damit geöffnet hatte, gab es kein Halten mehr. Tausende machten sich bereits in der Nacht des 9. November mit Hammer und Meißel ans Werk. Noch heute werden an den Hotspots kleine Steinstücke verkauft – angeblich Originale, versteht sich.

„Ob richtig oder falsch – der Maßstab war das Wollen der Berliner, und die wollten das Ding weg haben“, so in diesen Tagen Walter Momper (SPD). Er war 1989 der Regierende Bürgermeister. Die Bürger hatten den Betonwall einfach satt. Damals, so Momper weiter, habe sich die Frage gar nicht gestellt, ob große Teile als authentische Zeugnisse bewahrt werden sollten. Diese Diskussion sei erst viel später aufgekommen. Auch habe die DDR seinerzeit entschieden, die Mauer abzutragen. „Und dann war sie weg.“



Und das nach quälenden 28 Jahren. Am 13. August 1961 gebaut, riegelte die Mauer Berlin auf einer Länge von 160 Kilometern ab. Heute ist die Strecke ein beliebter Rad- und Wanderweg. Immer noch wollen viele freilich wissen: „Wo stand sie denn genau?“ Dann schickt man die Fragenden zur Bernauer Straße, denn da ist der Wall über mehrere Hundert Meter erhalten und markiert die Grenze zwischen Mitte (Ost) und Wedding (West). An der Bernauer Straße gibt es zudem die „Gedenkstätte Berliner Mauer“. Der Wall trennte Nachbarn und Familien. Anfangs flüchteten etliche Ostberliner durch die Häuser direkt an der Mauer in den Westen – bis die Fenster zugemauert wurden.

Wer noch mehr Mauer erleben will, der fährt weiter zur East Side Gallery nahe des Berliner Ostbahnhofs. Sie ist ein bemaltes 1,3 Kilometer langes Teilstück entlang der Spree. Mit über einhundert originalen Mauermalereien gilt sie als längste Open-Air-Galerie weltweit. „Der Bruderkuss“ von Honecker und Breschnew ist inzwischen weltweit bekannt.

Doch damit hat es sich auch schon mit längeren Abschnitten des Walls. „Wir haben uns selber die Frage gestellt, ob die Mauer-Stories überhaupt noch jemand hören will“, sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berliner Tourismusgesellschaft „visitBerlin“. Seine Antwort lautet: „Eindeutig ja.“ 

Rund um den 9. November rechnet Kieker mit über einer Million Besuchern in der Stadt, von denen viele wieder auf den Spuren der Mauer wandeln werden. Inzwischen hilft dabei eine App: Man stellt sich an die Orte, wo sie gewesen ist, und das Handy zeigt, wie es dort bis zum 9. November 1989 aussah. Dann ist das Monstrum wieder da. Obwohl es zum Glück weg ist.