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Deutsch-deutsche Teilung
28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage Mauer(fall)

Die Berliner Mauer am Brandenburger Tor: Die Warnung „Achtung, Sie verlassen jetzt West-Berlin“ stand für Jahrzehnte an der Grenze.
Die Berliner Mauer am Brandenburger Tor: Die Warnung „Achtung, Sie verlassen jetzt West-Berlin“ stand für Jahrzehnte an der Grenze. FOTO: Wolfgang Kumm / dpa
Berlin. Das Symbol der deutschen Teilung ist heute genau so lange weg, wie es mal da war. Was bleibt? Von Jutta Schütz und Julia Kilian

Am Checkpoint Charlie in Berlin wird die Geschichte immer teurer. Für ein Foto mit einem falschen US-Soldaten und Flagge will ein Darsteller mittlerweile drei Euro pro Person. Den früheren Grenzkontrollpunkt an der Friedrichstraße passierten einst Diplomaten, heute stehen dort Laiendarsteller vor einem nachgebauten Haus. Drumherum: Touristen und das, was von der Mauer übrig blieb. Heute ist die Mauer nun genauso lange weg, wie sie da war. Zwei gleich lange Abschnitte deutscher Geschichte: 28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage. Am 13. August 1961 erst mit Stacheldraht und später mit immer mehr Beton hochgezogen, am 9. November 1989 friedlich überwunden. Viele Menschen können sich noch genau an die Zeit der Teilung erinnern. Sie gehörte zu ihrem Leben.

Hans-Joachim Lietsche (57) wartet auf seine Besuchergruppe. Er will Schülern erklären, wie die DDR-Staatssicherheit Menschen wie ihn einsperrte. Weil sie nicht auf Linie waren. Wo Lietsche jetzt steht, war früher die Untersuchungshaftanstalt der Stasi. Heute ist die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen der einzige Ort, an dem der Frührentner über damals reden kann, über die Zelle ohne Fenster, die Isolation und Angst. Paragraf 220, Herabwürdigung staatlicher Organe, sei sein Vergehen gewesen, neun Monate Haft. Er habe eine Staatsanwältin als „blöde Kuh“ beschimpft. Von dem Betonwall, der einst das Leben der Berliner trennte, stehen heute noch Reste. Für die junge Generation ist Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff nach eigenen Worten fast ein Geschichtslehrer. „Wenn ich junge Menschen durch Berlin führe, stellen die ganz andere Fragen. Daran erkennt man, dass die Mauer für die Geschichte ist.“ Die erste Frage: Wie lange hat es gedauert, die Grenze zu bauen?

„Die meisten denken, es waren die Russen und nicht die Deutschen“, sagt Müller-Tenckhoff. „Man muss dann weit ausholen und die grundsätzliche Nachkriegsgeschichte mit den Alliierten erläutern.“ SED-Chef Walter Ulbricht ging als „Mauerbauer“ in die Geschichte ein. Noch kurz vorher hatte er die Weltöffentlichkeit getäuscht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“



„Das Zeiterleben ist individuell sehr unterschiedlich“, sagt der Psychologe Klaus Seifried. Er hat 26 Jahre als Schulpsychologe gearbeitet und gehört dem Vorstand des Berufsverbands Deutscher Psychologen an. „Junge Leute können sich das Leben vor 30 oder 40 Jahren kaum vorstellen.“ Wenn er Besuch habe und mit jungen Menschen zur Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße gehe, sei das für sie ähnlich fern wie der Zweite Weltkrieg oder der Holocaust. „Die sinnliche Erfahrung fehlt.“

Wenn einem die Zeit mit Mauer länger vorkommt als der Abschnitt seit dem Mauerfall, kann das laut Seifried auch am subjektiven Empfinden und dem heutigen Tempo liegen. Internet, Smartphones, Globalisierung, Mobilität – all das hat den Alltag beschleunigt. „Wenn wir uns erinnern, nehmen wir die Zeit dann als kürzer wahr, wenn viel passiert, wenn sich viel verändert.“ Manche Menschen in Ostdeutschland fühlen sich noch heute benachteiligt. Obwohl der Lebensstandard seit 1989 gestiegen, die Arbeitslosigkeit wieder gesunken ist und Kommunen herausgeputzt wurden. Sie verweisen auf niedrigere Renten, sterbende Dörfer, abgewanderte Fachkräfte. Bei der Bundestagswahl wurde die AfD im Osten zweitstärkste Kraft.

Und nun? Die Teilung wird langsam zur Geschichte. „Menschen neigen dazu, dass sie positive Dinge erinnern und negative vergessen oder relativieren. Bestimmte Dinge werden verklärt – sowohl in Ost als auch West“, sagt Psychologe Seifried. „Ich glaube, dass Bürger, die die DDR aufgebaut haben, eher die positiven Dinge erinnern und deswegen auch ein Stück enttäuscht sind von der sozialen Härte unseres Systems.“

Umfragen zeigen, dass junge Menschen wenig über die Geschichte nach 1945 wüssten. Angesichts aktueller Gefährdungen der Demokratie in Europa müsse die politische Bildung gestärkt werden, fordert Anna Kaminsky, Chefin der Bundesstiftung für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Ähnliches treibt auch Hans-Joachim Lietsche an. „Es ist mir ein Anliegen, dass so was nicht nochmal passiert“, sagt er mit Blick auf die Stasi. „Davor habe ich Angst. Diktatur geht so schnell – die schweigende Masse macht sie möglich.“

10. November 1989, Berlin: Jubelnde Menschen stehen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor.
10. November 1989, Berlin: Jubelnde Menschen stehen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor. FOTO: Wolfgang Kumm / dpa
Ein Symbol im Wandel der Zeit: Für 28 Jahre versperrte die Berliner Mauer den freien Blick auf das Brandenburger Tor von Westen aus (Foto oben rechts). Im November 1989 (Mitte) tanzten die Menschen an gleicher Stelle vor Freude über den Mauerfall. Heute ist das berühmte, geschichtsträchtige Tor sogar Kulisse für Spaß und schräge Vögel, wie hier bei einer Aktion der Berliner Blues-Brothers-Show von Januar (unten).
Ein Symbol im Wandel der Zeit: Für 28 Jahre versperrte die Berliner Mauer den freien Blick auf das Brandenburger Tor von Westen aus (Foto oben rechts). Im November 1989 (Mitte) tanzten die Menschen an gleicher Stelle vor Freude über den Mauerfall. Heute ist das berühmte, geschichtsträchtige Tor sogar Kulisse für Spaß und schräge Vögel, wie hier bei einer Aktion der Berliner Blues-Brothers-Show von Januar (unten). FOTO: Jörg Carstensen / dpa