| 22:10 Uhr

Sexueller Missbrauch
„Ich will, dass es aufhört“

 Bei sexuellem Missbrauch von Kindern wird häufig weggesehen. Das symbolisiert diese Illustration im Stil eines Kirchenfensters. Die katholische Kirche hatte Aufklärung und Aufarbeitung versprochen.
Bei sexuellem Missbrauch von Kindern wird häufig weggesehen. Das symbolisiert diese Illustration im Stil eines Kirchenfensters. Die katholische Kirche hatte Aufklärung und Aufarbeitung versprochen. FOTO: picture alliance / dieKLEINERT.de / dpa Picture-Alliance / Matthias Töpfer
Berlin. Zehn Jahre nach dem Missbrauchsskandal fehlt es immer noch an wirksamen Konsequenzen. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig zieht eine weitgehend ernüchternde Bilanz. Von Stefan Vetter

Zehn Jahre nach dem Bekanntwerden von Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs in kirchlichen Einrichtungen hakt es immer noch bei der Aufarbeitung und den nötigen Konsequenzen. „Es ist keine rosige Bilanz“, meinte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, am Dienstag in Berlin. Nötig sei ein „Pakt gegen Missbrauch“.

Eine Lehrerin ruft an, nachdem sie auf dem Computer des Schuldirektors zufällig kinderpornografisches Material entdeckte. Ein Vater meldet sich, weil ihm seine Tochter von sexuellen Übergriffen des Opas berichtete. Nur zwei von fast 100 000 Telefonaten, mit denen es die Mitarbeiter vom „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ bislang zu tun bekamen. Eingerichtet wurde die Hotline unter der Rufnummer (0800) 2 25 55 30 kurz nach dem Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle am katholischen Gymnasium Canisius-Kolleg in Berlin im Januar 2010. Doch nach wie vor kommen ständig neue Fälle ans Licht. In Kitas und Schulen, aber vor allem im familiären Bereich.

Ausweislich der Polizeilichen Kriminalstatistik werden in Deutschland pro Jahr mehr als 20 000 Vorgänge von sexuellem Kindesmissbrauch und Kinderpornografie registriert. Nach Einschätzung von Rörig wird dieser Missstand jedoch weitgehend ignoriert. „Ich bin immer wieder erschrocken darüber, mit welcher Gelassenheit sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche von Teilen der Gesellschaft hingenommen wird“, klagte er vor Journalisten in Berlin. Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ zog ebenfalls ein ernüchterndes Fazit: Noch immer werde das Thema „nicht als zentrale gesellschaftliche Herausforderung für unser Land angenommen“. So habe die katholische und die evangelische Kirche die Aufklärung und Aufarbeitung „vielfach verschleppt“. Erst jetzt würden sie damit beginnen, sich ihrer Verantwortung zu stellen, sagte Kratsch.



Um die Fallzahlen „maximal“ zu reduzieren, regte Rörig einen Pakt an, an dem sich neben der Politik, den Kirchen und Bildungseinrichtungen auch die Zivilgesellschaft sowie Ärzte und Medien beteiligen sollten. Zudem seien wirksamere Ermittlungsinstrumente geboten, so Rörig. Erst kürzlich hatte der Bundestag ein schärferes Vorgehen gegen sogenannte Cybergroomer beschlossen, die im Netz gezielt sexuellen Kontakt zu Minderjährigen suchen. Laut Rörig geht es aber um viel mehr. So müssten alle Einrichtungen mit Kindern künftig per Gesetz zur Entwicklung von Schutzkonzepten verpflichtet werden, forderte der Missbrauchsbeauftragte. Nötig sei auch eine breitangelegte Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne, für die es jedoch bis heute keine Gelder gebe, so Rörig. Den entsprechenden Bedarf bezifferte er auf rund fünf Millionen Euro pro Jahr.

Auch die Opfer haben bislang noch keine angemessene Entschädigung bekommen. Auf dem Tisch liegen Vorschläge für eine pauschale Zahlung in Höhe von 300 000 Euro und alternativ die Gewährung von 40 000 bis 400 000 Euro je nach Schwere des Falls. Die katholische Kirche will darüber im Frühjahr entscheiden. „Die Betroffenen warten, die Bischöfe streiten“, meinte Katsch verbittert.

Mit einem 30-Sekunden-Spot, der seit gestern im Fernsehen und in Kinos zu sehen ist, will man jetzt zumindest das Hilfetelefon stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. In dem kleinen Film schauen Kinder mit ernsten Gesichtern in die Kamera. Unterlegt sind die emotionalen Bilder mit den Worten „Darf der das?“ oder „Ich will, dass es aufhört“. Es sei „wichtig, dass Menschen aufmerksam werden und sich trauen hinzuschauen, damit sexuelle Gewalt an Kindern aufgedeckt und schneller beendet wird“, meinte die Leiterin des Hilfetelefons, Silke Noack.