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Skaten
Die kleine Lilly ist die große Olympia-Hoffnung

 Lilly Stoephasius hofft auf eine Olympia-Chance bei der Skateboard-Premiere in Tokio 2020.
Lilly Stoephasius hofft auf eine Olympia-Chance bei der Skateboard-Premiere in Tokio 2020. FOTO: dpa / Kay Nietfeld
Berlin . Eine Zwölfjährige aus Berlin ist Deutschlands beste Skateboarderin. 2020 möchte sie sich in Tokio ihren olympischen Traum erfüllen. dpa

Wenn Lilly auf ihrem Skateboard steht, strahlen ihre Augen. Ein kurzes Wippen nach vorne – und ab geht’s in die Tiefe. Lilly holt Schwung, springt ab und fliegt durch die Luft – als gäbe es nichts Leichteres. Dabei dreht sie sich und ihr Sportgerät noch um 180 Grad, bevor sie auf dem Brett landet.

„Backside varial“ heißt dieser Trick. „Den können nur eine Handvoll Frauen“, sagt sie stolz. Was umso bemerkenswerter ist, denn Lilly Stoephasius ist erst zwölf Jahre jung. Die Berlinerin ist das, was man ein Ausnahmetalent nennt. Mit elf wurde sie Vize-Europameisterin und deutsche Meisterin in der Disziplin Park. Ende August möchte sie in Düsseldorf ihren Titel verteidigen. Wenn nichts dazwischen kommt, fährt sie als beste deutsche Frau zu den Olympischen Spielen. Mit 13.

Skateboarden feiert 2020 seine olympische Premiere. „Eine richtige Vorstellung von dem, was da auf mich zukäme, habe ich noch nicht. Aber dabei zu sein, wäre ziemlich cool“, sagt Lilly lächelnd. Bei der Disziplin Park fährt sie in einer „Bowl“, übersetzt Schüssel, einer Art Beton-Pool mit Hügeln und Rampen. 20 Startplätze gibt es, maximal drei Frauen pro Nation dürfen teilnehmen. Über die sogenannte „Country-Quote“ wäre Lilly derzeit dabei. Weil der Weltverband keine Altersbeschränkung vorgibt, ist eine Teilnahme also durchaus möglich. „Wir nominieren Athleten, wenn sie sportlich qualifiziert und von ihrem Verband vorgeschlagen sind und die Athletenvereinbarung des DOSB unterzeichnet ist“, erklärt der Deutsche Olympische Sportbund auf Anfrage.



Aber der Weg nach Japan ist noch weit. Qualifikationen in Chile, Brasilien und den USA stehen an. Ein anstrengendes Programm. Lilly wechselt diesen Sommer aufs Gymnasium. Die erste Schulwoche findet direkt ohne sie statt. „Aus Mutter-Sicht hätte ich mir gewünscht, Lilly hätte sich mit dem Gutsein noch etwas Zeit gelassen“, sagt Anne Stoephasius: „Wir sind als Eltern total stolz. Aber es ist nicht einfach, wenn das Kind so viel unterwegs ist. Wir lassen sie ungern alleine reisen.“

Vater Oliver ist meist dabei. Er ist selbst Skater und Lillys Trainer. Als Dreijährige stand sie erstmals auf dem Brett, „aber ich bin schon lange besser als mein Papa“, merkt die Zwölfjährige an. Vier bis fünf Mal trainiert sie pro Woche, dazu Schule, Freunde und Ballett. „Ich bekomme das alles gut hin“, versichert Lilly. Nach ihrem Meistertitel gab es Gespräche mit dem Verband. „Lilly war elf, wir mussten entscheiden, ob sie die Olympia-Qualifikation wirklich schon versuchen soll“, erklärt Mutter Anne: „Sie ist eine gute Schülerin, wir haben sie entscheiden lassen. Sie weiß, was sie will.“

Auch sonst ist die kleine Lilly in vielem schon groß. Sie hat eigene Sponsoren: für ihr Board, ihre Kleidung, Schuhe und sogar die Knieschoner. Was sie tut, wirkt extrem routiniert. Freundlich, redegewandt und reflektiert gibt sie Interviews. „Sie ist ein kleiner Mini-Profi“, sagt Stoephasius. „Wenn wir merken, dass es Lilly zu viel wird oder sie den Spaß verliert, schreiten wir ein.“

Dass eine freiheitsliebende Sportart wie das Skateboarden olympisch wird und sich plötzlich mit Verbandsstrukturen konfrontiert sieht, finden nicht alle in der Szene gut. Kritiker sagen, das Lebensgefühl und die Kultur des Skatens könnten ihrer Identität beraubt werden. Lilly glaubt daran nicht. Sie sieht vielmehr die Chancen. „Skaten ist eine kreative Sportart, bei der man sich und seinen Style ausleben kann. Ich wünsche mir, dass mehr Mädchen Spaß am Skaten finden und wir mehr Skateanlagen in Deutschland bekommen.“

Im Moment ist Lilly die deutsche Olympia-Hoffnung schlechthin. „Ich würde mich freuen, wenn sie es schafft“, sagt Bundestrainer Jürgen Horrwarth, der die Berlinerin auf dem besten Weg nach Tokio sieht. Zwar fehle ihr noch etwas die Kraft: „Aber sie ist ein Bewegungstalent, motorisch früh entwickelt, mit guter Technik und einer enormen Auffassungsgabe.“ Anfang nächsten Jahres entscheidet sich, ob sie in Japan dabei ist. Wenn’s nicht klappt, wäre das kein Beinbruch, sagt Lilly. Dann fahre sie eben 2024 nach Paris. Mit 17. Aber so lange wird sie vermutlich nicht warten müssen.