| 23:11 Uhr

SC Freiburg
„Woanders sind sie nervöser“

Freiburgs Trainer Christian Streich hat nicht nur mit seinem alemannischen Dialekt die Bundesliga erobert.
Freiburgs Trainer Christian Streich hat nicht nur mit seinem alemannischen Dialekt die Bundesliga erobert. FOTO: Patrick Seeger / dpa
Freiburg. Seit sechs Jahren ist Christian Streich nun bereits Cheftrainer des SC Freiburg – das alleinige Gesicht der Breisgauer will er aber nicht sein. Der „Kicker“ hat den 52-Jährigen zum „Mann des Jahres 2017“ gekürt.

(dpa) Kurz vor seinem außergewöhnlichen Dienstjubiläum hat sich der Fußballtrainer Christian Streich betont bescheiden gegeben. Er sei nicht das Gesicht des Bundesligisten SC Freiburg, sondern nur eine von vielen Konstanten, „die sich hier über die Jahre gebildet haben“, sagte er dem Fachmagazin „Kicker“. Dabei hätte der 52-Jährige allen Grund, ein wenig für sich zu trommeln.

Schließlich feiert er an diesem Freitag sein sechsjähriges Jubiläum als Cheftrainer auf der Bank der Breisgauer und ist damit der mit großem Abstand dienstälteste unter den aktuellen Bundesliga-Trainern. Dahinter folgt Pal Dardai, der Anfang Februar drei Jahre Coach von Hertha BSC sein wird – also nicht einmal halb so lange wie Streich.

Streich hat die Mannschaft des Sport-Clubs Ende 2011 übernommen, vor dem Abstieg gerettet und 2013 trotz einem der kleinsten Etats der Liga in die Europa League geführt. 2015 ist der Verein zwar in die Zweite Liga abgestiegen, kehrte aber nur ein Jahr später in die Eliteklasse zurück – und wurde unter Streich Siebter.



Nicht nur wegen seiner nachhaltigen sportlichen Arbeit hat ihn der „Kicker“ zu seinem „Mann des Jahres 2017“ gekürt, ausschlaggebend sei auch seine „klare, glaubwürdig vertretene Meinung“ zu Themen auf und neben dem Fußballplatz gewesen, unter anderem zur Integration.

„Woanders sind sie nervöser, aber hatten in den letzten 20 Jahren nicht mehr Erfolg als wir“, sagte Streich zu seiner langen Amtszeit. „Sie machen das hier in Freiburg aus Überlegung und Kalkül, nicht nur, weil sie nett sind - dann wären sie auch fehl am Platz.“ In den vergangenen zwei Jahrzehnten hatte der SC lediglich vier Cheftrainer. Nur Streichs Vorgänger Marcus Sorg, heute Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, war mit einem halben Jahr sehr kurz im Amt.

Streich hilft, dass der Kampf um den Klassenverbleib in Freiburg genauso einkalkuliert ist wie ein zwischenzeitlicher Gang in die 2. Liga. Trainer werden daher nicht automatisch in Frage gestellt, wenn es mal schlecht läuft. „Das ist aber kein Selbstzweck. Und wir machen das auch nicht, um anders zu sein“, erklärt der SC-Sportvorstand Jochen Saier. „An erster Stelle steht die Qualität, und es muss zusammen passen.“

Seiner Auffassung nach lebt Freiburg davon, dass „die wichtigen Funktionen maximal gut besetzt sind“. Dazu gehört besonders die Position des Chefcoaches, aber auch das gesamte Trainerteam, das Saier „manchmal zu kurz kommt“.

Er, Sportdirektor Klemens Hartenbach und fast alle Trainer arbeiten schon lange zusammen. Dieses Fundament wackele auch nicht, wenn es mal „schwieriger, komplizierter und emotionaler“ werde, meint Saier. So wie in der Hinrunde dieser Saison, als Freiburg zwischenzeitlich auf einem Abstiegsplatz stand.

Wenn es nicht so läuft wie erhofft und sich auch noch wichtige Spieler verletzen, dann sinkt bei allen im Verein die Laune. Bei Streich jedoch besonders. Verstellen kann er sich nicht, das bekommt jeder zu spüren. Auch in den wöchentlichen Pressekonferenzen, in denen der 52-Jährige von Beginn an nicht nur zur sportlichen Lage Stellung genommen hat. Auch mit seiner Meinung zu politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen hält er sich nicht zurück. Bundestagswahl, soziale Gerechtigkeit, Flüchtlings-Politik, Rechtsruck in der Gesellschaft, Aufstieg der autoritären Regime - der Trainer des SC Freiburg hatte im zu Ende gehenden Jahr zu all diesen und vielen weiteren Themen eine meist kluge Meinung parat. Die anstehenden Spiele in der Fußball-Bundesliga wurden bei den Pressekonferenzen oft zur Nebensache – die Auftritte Streichs hatten vielmehr gesellschaftspolitische Relevanz.

„Ich will nicht als neunmalkluger Besser- oder Alleswisser erscheinen. Ich bin kein Welterklärer und Weltverbesserer, und ich habe auch nicht immer gute Umgangsformen, achte aber andere Menschen. Und ich denke über unser Zusammenleben nach“, erklärt Streich.

Es gibt aber auch Themen, zu denen er sich am liebsten nicht mehr äußern würde – und es doch tut. Dazu gehört der Transfermarkt mit seinen mittlerweile kaum noch nachvollziehbaren Ablösesummen. „Ich weiß nicht, wie es Leuten geht, die nichts haben, wenn sie das lesen, ob da nicht eine Frustration eintritt“, sagte Streich zum Neymar-Transfer vom FC Barcelona zu Paris St. Germain.

Für den SC Freiburg arbeitet Streich in unterschiedlichen Funktionen bereits seit 23 Jahren. Er betonte jedoch, dass er in dieser Zeit noch kein einziges Training allein geplant habe. „Meine Qualität reicht nicht dafür. Ich mache alles mit meinen Kollegen. Im Team ist alles einfacher“, sagt er.