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Respekt vor Deutschland
WM-Sicherheit rückt in den Blickpunkt

Ob der russische Fußball-Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow eine so ernste Miene zeigt, weil er bis zum WM-Beginn noch viel Arbeit hat? Die Gastgeber wollen ins Achtelfinale.
Ob der russische Fußball-Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow eine so ernste Miene zeigt, weil er bis zum WM-Beginn noch viel Arbeit hat? Die Gastgeber wollen ins Achtelfinale. FOTO: Marius Becker / dpa
Moskau. 100 Tage vor der Weltmeisterschaft hat Gastgeber Russland organisatorisch und sportlich noch einige Hausaufgaben zu erledigen.

Wie schon vor den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang gerät das Thema Sicherheit 100 Tage vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland (14. Juni bis 15. Juli) in den Blickpunkt. Laut „Bild“-Zeitung erwartet das Bundeskriminalamt (BKA) bei der Endrunde eine hohe Gefährdung vor allem durch radikale Islamisten. Die Zeitung verweist dabei auf ein vertrauliches Papier der Behörde. Das BKA sagte, dass „wir Aussagen zu internen Berichten grundsätzlich nicht kommentieren“.

In dem BKA-„Gefährdungslagebild“ steht nach Angaben der Zeitung, dass die islamistischen Strukturen in Teilen Russlands und die hohe Zahl an russischstämmigen IS-Kämpfern für eine besondere Gefährdungslage sorgen würden. Wegen der Beteiligung an den Kriegen im Irak und in Syrien stehe Russland besonders im Fokus der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die seit Oktober vergangenen Jahres zudem auch die anstehende WM thematisiere. Das BKA beziehe sich dabei unter anderem auf die verbreiteten Collagen, die eine Hinrichtung von Superstars wie Neymar, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo abgebildet haben.

Das BKA weise in dem Papier zudem darauf hin, dass Teile der russischen Fanszene für ihre Gewaltbereitschaft und Rassismus bekannt seien. Hooligans hätten bereits im Frühjahr 2017 ein „Festival der Gewalt“ angekündigt. Angriffe russischer Gewalttäter bei der EM-Endrunde 2016 in Frankreich hatten Entsetzen ausgelöst. Bei Straßenschlachten in Marseille waren 35 Menschen verletzt worden.



Organisatorisch will Russland den Countdown bis zur WM für den letzten Feinschliff nutzen. Nun sei das Wichtigste, dass alle Bauarbeiten gemäß den Standards des Weltverbandes Fifa abgeschlossen würden, sagte Sportminister Pawel Kolobkow gestern: „Es ist wichtig, Russland der Welt zu zeigen, wie es ist: offen, gastfreundlich und modern.“ Vizeregierungschef Witali Mutko berichtete, sechs Stadien sollten in den kommenden Tagen fertig werden.

Sportlich gesehen warnt Russlands Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow vor überhöhten Erwartungen an die Nationalmannschaft. „Wir müssen uns selbst gegenüber objektiv bleiben. Deutschland gehört klar zu den Favoriten. Und auch Teams wie Brasilien, Argentinien und Frankreich stehen auf der Favoritenliste deutlich höher als wir.“ Der ehemalige Bundesliga-Torwart von Dynamo Dresden sagte, er sei nicht böse, dass ein WM-Spiel gegen Deutschland aufgrund der Gruppenarithmetik erst sehr spät möglich ist.

Die Sbornaja eröffnet die WM am 14. Juni gegen Saudi-Arabien. Weitere Gruppengegner sind Ägypten und Uruguay. Deutschland spielt in Gruppe F gegen Mexiko, Schweden und Südkorea. Russland hofft darauf, bei der Heim-WM erstmals das Achtelfinale zu erreichen. Beim Confed Cup musste man Mexiko und Portugal den Vortritt ins Halbfinale lassen.

In der Vorbereitung müssen die Russen ihre Defensive verbessern. Zuletzt hat die Mannschaft viele unnötige Gegentore nach Fouls kassiert. „Am Trikot ziehen, ein Foul am Strafraum, das muss nicht sein“, meinte der Trainer: „Wir müssen auch unser Stellungsspiel im Angriff verbessern.“

Bundestrainer Joachim Löw beneidet Tschertschessow nicht um seine großen Auswahlmöglichkeiten für den WM-Kader. Die beiden kennen sich aus der Zeit, als Löw 2001/2002 Tschertschessows Trainer beim FC Tirol Innsbruck war. Im Spaß habe er Löw bei einem Treffen kürzlich gesagt, sie beide hätten Kopfschmerzen. „Wir haben die gleichen Symptome, aber die Diagnose ist eine andere: Er hat zu viele Spieler, ich habe zu wenige“, sagte Tschertschessow: „Oft ist es schwierig, aus guten Jungs die richtigen auszuwählen. Bei mir ist das genauso. Wenn du nur wenige hast, musst du auch gut auswählen.“ Auf einen Platz im Team dürfen auch Konstantin Rausch (Dynamo Moskau) und Roman Neustädter (Fenerbahce Istanbul) hoffen.