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Von wegen Freilos

Nach der 0:3-Pleite gegen Leverkusen schlichen die Wolfsburger André Schürrle und Co. bedröppelt vom Platz. Foto: Kirchner/dpa
Nach der 0:3-Pleite gegen Leverkusen schlichen die Wolfsburger André Schürrle und Co. bedröppelt vom Platz. Foto: Kirchner/dpa FOTO: Kirchner/dpa
München. Real Madrid kommt mit dem Rückenwind des 2:1-Sieges gegen den FC Barcelona, der VfL Wolfsburg steckt dagegen in der Krise. Dem VfL kann vor dem Champions-League-Spiel heute Abend Angst und Bange werden. Christian Kunz,Klaus Bergmann (dpa)

Nach einem Blitzstart hat der FC Bayern auf dem Weg ins Halbfinale der Champions League einen beruhigenden Vorsprung gegen Benfica Lissabon verpasst. Arturo Vidal sorgte gestern Abend im Viertelfinal-Hinspiel gegen Portugals Fußball-Meister schon in der zweiten Minute mit seinem ersten Münchner Königsklassentor für den 1:0 (1:0)-Erfolg des deutschen Meisters. In einer Woche müssen die Bayern in der portugiesischen Hauptstadt eine Topleistung abrufen, um zum fünften Mal nacheinander in die Runde der letzten Vier einzuziehen.

Im 150. Bayern-Pflichtspiel von Trainer Pep Guardiola erfüllten die Gastgeber immerhin ein zentrales Ziel - einen Sieg ohne Gegentor. Beim Rückspiel könnte den Münchnern zu Gute kommen, dass Benficas Torjäger Jonas wegen einer Gelb-Sperre zuschauen muss. Der Brasilianer ließ die Bayern-Fans unter den 70 000 Zuschauern in der zweiten Hälfte wiederholt um den knappen Sieg bangen, als er beste Chancen ungenutzt ließ.

Als Glücks- oder Freilos für die Bayern hatten viele Benfica gesehen. Dreimal waren die Portugiesen zuvor in München zu Gast, jeweils hatten sie deutlich verloren. Auch diesmal sah es früh nach einer Lektion für den Außenseiter aus. Die von Guardiola so gelobte Abwehr der Gäste war noch unsortiert, ließ Juan Bernat ganz in Ruhe flanken und Vidal unbedrängt zur Führung einköpfen.

Energiebündel Vidal war eine von drei Veränderungen, die Guardiola nach dem mühsamen 1:0 gegen Eintracht Frankfurt vorgenommen hatte. Neben dem Chilenen übernahmen Joshua Kimmich und Douglas Costa in der Startelf die Posten von Xabi Alonso , Javi Martinez und dem wieder auf die Bank verbannten Mario Götze .

Die Münchner hätten in einer starken Anfangsphase ihre Führung ausbauen können, ließen es jedoch an Zielstrebigkeit vermissen. Thomas Müller hatte in dieser Phase die beste Chance, scheiterte aber mit einer Direktabnahme nach Flanke von Thiago an Benfica-Torwart Ederson (20.). Danach hatte Lissabon den Schock des frühen Gegentors endgültig verarbeitet und befreite sich immer mehr aus der Umklammerung des Favoriten. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte blockte Vidal gerade noch einen Schuss von Nicolas Gaitan.

Zu oft versuchten es die Münchner über die linke Seite, auf der sich der zuletzt wiedererstarkte Franck Ribéry ein ums andere Mal vergeblich mühte. Zudem war zu spüren, dass Guardiolas Maßgabe, kein Gegentor zu kassieren, die Gastgeber bremste. So warteten die Zuschauer auch nach der Pause vergeblich auf ein offensives Feuerwerk des Bundesliga-Spitzenreiters. Stattdessen hätte Jonas Goncalves beinah ausgeglichen, brachte den Ball aber nicht am kühl reagierenden Neuer vorbei (57.). Im Ärger darüber holte sich der Brasilianer, derzeit mit 30 Pflichtspiel-Treffern Europas bester Torjäger , Gelb für ein Foul ab und fehlt im Rückspiel.

In der Schlussphase drängten die Münchner noch einmal engagierter auf den zweiten Treffer. Die eingewechselten Götze und Kingsley Coman sollten Schwung bringen. Doch Ribéry und Robert Lewandowski vergaben eine bessere Ausgangslage. So fiel der elfte Bayern-Heimsieg in der Champions League in Serie knapper aus als gedacht. Letzte Hoffnung Naldo: Mit dem Blitz-Rückkehrer als Abwehrchef und Joker Bas Dost soll das drohende Debakel im größten Spiel der Geschichte des VfL Wolfsburg gegen Real Madrid verhindert werden. Nur gut einen Monat nach seiner Schultereckgelenksprengung kehrt Naldo beim kriselnden Vizemeister zum heutigen Viertelfinal-Hinspiel (20.45 Uhr/ZDF und Sky) gegen das Star-Ensemble um Cristiano Ronaldo wohl in die Innenverteidigung zurück. Auch Torjäger Dost fiebert dem ersten Auftritt nach seinem Mittelfußbruch in der Winterpause vor endlich ausverkauftem Haus in Wolfsburg entgegen.

"Sie könnten eine Ergänzung sein", verriet Sportchef Klaus Allofs : "Das gibt allen mehr Mut für diese Aufgabe." Vor allem Naldo gilt als sicherer Startelf-Kandidat angesichts des Tiefs von Youngster Robin Knoche und Dantes persönlichen üblen Erfahrungen mit Real. Der brasilianische Innenverteidiger hatte mit Bayern München vor zwei Jahren ein 0:4-Debakel gegen Real erlebt und war heftig kritisiert worden.

Wegen der Rückkehrer ist die Zuversicht beim VfL nun groß, sich zumindest nicht zu blamieren. "Ich nehme als Grundlage, dass wir in der Champions League acht Mal gespielt haben und sechs Mal gewonnen haben und zuhause keinen Punkt abgegeben haben", sagte Allofs.

Der Manager geht gar noch weiter und spricht von einer Chance aufs Halbfinale. "Eigentlich sind die Teams Bayern München , Barcelona, Real Madrid oder Paris übermächtig. Aber von dieser Gruppe ist vielleicht Real das Team, das am wenigsten übermächtig ist", bekräftigte Allofs: "Von daher bleibt vielleicht eine Chance. Und diese Chance wollen wir unbedingt nutzen."

Trotz der eigenen Krise, die den VfL in der Bundesliga fast schon aus dem Rennen um die erneute Champions-League-Qualifikation katapultiert hat. Trotz der Offensivkraft Reals, wo allein Cristiano Ronaldo und die übrigen "Galaktischen" Gareth Bale und Karim Benzema zusammen 82 Saisontore schossen - 30 mehr als das gesamte VfL-Team.

Doch Trainer Dieter Hecking beteuerte: "Wir haben in der Champions League Geschichte geschrieben, die uns so keiner zugetraut hatte. Jetzt wollen wir versuchen, sie weiter zu schreiben." Auch Reals Weltmeister Toni Kroos stapelte trotz der Ausgangslage tief: "Wenn wir im Real-Team denken, dass wir nach dem Sieg in Barcelona locker in Wolfsburg gewinnen, wird es sehr, sehr ungemütlich für uns."

In der Tat zeigte Wolfsburg in dieser Saison in der Champions League und der Bundesliga zuweilen "leider zwei Gesichter", wie Allofs betonte. In der Liga enttäuschte der Luxuskader allzu oft, nicht erst beim 0:3 in Leverkusen am Freitag, das dem VW-Club den erneuten Zugang zur Königsklasse in der kommenden Saison wohl endgültig verwehrte.

In der Champions League war das Hecking-Team dagegen zu Höhepunkten wie dem 3:2 gegen Manchester United im Dezember fähig. Damals war das Stadion mit gut 26 000 Zuschauern erstmals in dieser Champions-League-Saison ausverkauft. Heute wird dies zum zweiten Mal so sein.