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Formel 1
Umbau der Formel 1 kommt nicht bei allen an

Schöne Frauen vor dem Rennen – das ist Vergangenheit. Bislang hielten Frauen die Schilder mit den Startnummern und Fahnen der Fahrer hoch (wie hier in Hockenheim), doch die Formel 1 hat die Grid Girls abgeschafft.
Schöne Frauen vor dem Rennen – das ist Vergangenheit. Bislang hielten Frauen die Schilder mit den Startnummern und Fahnen der Fahrer hoch (wie hier in Hockenheim), doch die Formel 1 hat die Grid Girls abgeschafft. FOTO: Uli Deck / dpa
Melbourne. Neue Startzeiten, Abschaffung der Grid Girls, Digitaloffensive: Der neue Besitzer Liberty Media krempelt die Königsklasse um.

Nico Hülkenberg ist ein Mann klarer Worte. Für eine der zahlreichen Neuerungen durch Formel-1-Eigner Liberty Media hat der Renault-Pilot so gar kein Verständnis. Die Abschaffung der Grid Girls sei „ein weiterer Rückschritt in Sachen Showbusiness“, sagte Hülkenberg dem Magazin No Sports: „Ein paar heiße Mädels vor den Autos, das ist doch für die ganze Szene nur förderlich.“

Damit sprach der 30-Jährige aus, was viele in der Formel 1 denken. Auch Ferrari-Pilot Sebastian Vettel kommentierte den Verzicht mit einem „Schade“. Ihre Worte und auch die abschätzigen Kommentare zahlreicher PS-Fans stoßen bei den Verantwortlichen allerdings nicht gerade auf offene Ohren. „Wenn es ein bedeutendes Klientel gibt, das der Meinung ist, Grid Girls passen nicht mehr in diese Welt, darf man sich dem nicht verschließen“, sagte Formel-1-Boss Chase Carey in einem Interview bei „Auto Bild Motorsport“. Die Schilder der Fahrer in der Startaufstellung werden künftig von Kindern gehalten, den sogenannten Grid Kids. Doch das ist nur ein Puzzleteil. Vor seiner zweiten Saison in der Schaltzentrale hat der US-Unterhaltungskonzern Liberty Media der Königsklasse ein umfangreiches Facelifting verpasst.

So wurde ein neues Logo eingeführt. Laut Liberty ist das Design, bei dem drei rote Linien die Kombination F1 bilden, besser für die Nutzung in digitalen Medien geeignet. „Wir wussten, dass wir damit gemischte Gefühle auslösen würden. Aber wir haben bestimmt nichts geändert, nur um des Änderns willen“, sagte Sport-Geschäftsführer Ross Brawn. Die Formel-1-Führung widerspricht energisch jeder Darstellung, sie wolle aus Prinzip alle Steine umdrehen, die der langjährige Promoter Bernie Ecclestone zuvor gesetzt hatte. Die Vision sei vielmehr, die Motorsport-Königsklasse für das digitale Zeitalter zu rüsten.



So ist wohl auch die Gründung eines Live-Streaming-Kanals zu verstehen, der mit dem Zugriff auf sämtliche Cockpit-Kameras und zahlreiche Datenkanäle punkten soll. Aber „F1 TV“ geht am Sonntag noch nicht an den Start. Nach Angaben von Liberty Media soll Down Under zunächst nur ein Beta-Test unter Livebedingungen stattfinden. Ursprünglich sollte F1 TV bereits zum Saisonauftakt für Kunden zugänglich sein.

Wann der zunächst in vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch) geplante Kanal nun tatsächlich verfügbar sein wird, steht noch nicht fest. „So früh wie möglich“, heißt es dazu seitens der Produzenten. Das Abonnement soll in Deutschland 64,99 Euro pro Jahr oder 7,99 Euro im Monat kosten. Liberty will das Angebot nicht als Konkurrenz für die TV-Sender verstanden wissen, die sich die Übertragungsrechte Millionen kosten lassen. Im Gegenteil: „Je mehr Fans die Formel 1 hat, desto besser ist das für alle Beteiligten“, sagte Formel-1-Digitalchef Frank Arthofer.

Weiter hat Hollywood-Komponist Brian Tyler (unter anderem „The Fast and The Furious“) eine Titelmelodie kreiert, auch einen Formel-1-Slogan („Engineered Insanity“ – in etwa: technisierter Wahnsinn) gibt es jetzt. Zudem wurden die Startzeiten geändert. Die Rennen beginnen künftig nicht mehr zur vollen Stunde, sondern um zehn Minuten nach. Der Start der meisten Europarennen wird sogar um 70 Minuten auf 15.10 Uhr Ortszeit nach hinten wandern, um ein größeres TV-Publikum zu erreichen.

„Die getroffenen Entscheidungen sind jede für sich nicht besonders relevant, doch in der Summe nicht nur positiv“, merkte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff kritisch an. Die Abschaffung der Grid Girls etwa bewertete der Österreicher gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“ als „Aktionismus und etwas, das nicht wirklich zählt“. Dennoch will Wolff Liberty Media weiter Zeit für Veränderungen einräumen.

Denn trotz der vielen kleinen Aufschreie im an Traditionalisten reichen Motorsport wird die Arbeit der Formel-1-Führung letztlich an härteren Faktoren gemessen. So steht Liberty Media vor der schwierigen Aufgabe, die Zugpferde Ferrari und Mercedes davon zu überzeugen, dass billigere Motoren und weniger filigrane Aerodynamik für alle Beteiligten das Beste sind. „Wir könnten faszinierenden Sport für weniger als die Hälfte des Geldes haben – und keiner würde es merken“, sagte Brawn mit Blick auf die anstehende Entscheidung zum Motoren-Reglement für 2021.

Mercedes-Mann Wolff formulierte jüngst auch eine Art Wunschzettel, was die Entwicklung der Serie angeht – und wählte als Messlatte ausgerechnet den Traditionalisten Ecclestone, der mit Neuerungen wie digitaler Offensive so gar nichts am Hut hatte: „Wenn Bernie zu einer Regierung gegangen ist und gesagt hat, dass er von einem Grand Prix träume, dann ist das auch passiert. Das jetzige Management muss zeigen, dass es das auch bringen kann.“ Zudem müssten neue Sponsoren gewonnen werden.