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Ski alpin
„Was habe ich für ein Glück gehabt“

 Der ehemalige Skirennfahrer Markus Wasmeier zeigt die beiden Goldmedaillen, die er 1994 bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer (Norwegen) im Super-G und Riesenslalom gewonnen hat. Später errichtete der 55-Jährige ein Freilichtmuseum in seiner Heimat am Schliersee.
Der ehemalige Skirennfahrer Markus Wasmeier zeigt die beiden Goldmedaillen, die er 1994 bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer (Norwegen) im Super-G und Riesenslalom gewonnen hat. Später errichtete der 55-Jährige ein Freilichtmuseum in seiner Heimat am Schliersee. FOTO: dpa / Stephan Jansen
Schliersee. Genau 25 Jahre nach dem olympischen Doppel-Gold spricht der frühere Skirennläufer im Interview über Erfolg, Krebs und Nachfolger. sid

An diesem Sonntag jährt sich der erste Olympiasieg von Markus Wasmeier zum 25. Mal. Er gewann damals in Lillehammer Gold im Super-G – und sechs Tage später auch im Riesenslalom. Nach seiner Karriere arbeitete Wasmeier für den Modedesigner und Filmemacher Willy Bogner, er war Experte und Kamerafahrer für die ARD, darüber hinaus errichtete er ein Freilichtmuseum am Schliersee
(www.wasmeier.de). Dort baut er Jahrhunderte alte Häuser wieder auf und stellt das Leben aus vergangenen Zeiten originalgetreu dar. Im Interview spricht Wasmeier (55) über seine größten Erfolge und mögliche Nachfolger sowie über die schwere Krebs-Erkrankung seiner Frau Brigitte, mit der er drei Söhne hat.

Herr Wasmeier, in der Vorbereitung auf unser Gespräch haben Sie spontan gesagt: Was, 25 Jahre ist das schon her? Das war ein Scherz oder?

MARKUS WASMEIER Nein. Ich bin ein Mensch, der selten in der Vergangenheit weilt. Ich schaue eher nach vorne, deswegen war ich schon überrascht, dass das jetzt 25 Jahre her sein wird.



Waren Sie deshalb auch am Morgen Ihrer ersten Goldmedaille so optimistisch? Immerhin sind Sie vier Tage zuvor nur 36. in der Abfahrt geworden.

WASMEIER Ich hatte gleich beim Aufstehen ein gutes Gefühl, man spürt das ja: Heute hast du Energie. Und es hat an diesem Tag dann von Anfang an alles gepasst, auch die ersten Schwünge im Schnee. Neuer Tag, neues Glück.

Waren Sie auch deswegen so locker, weil Sie nach der Abfahrt nichts mehr zu verlieren hatten?

WASMEIER Im Gegenteil, ich hatte alles zu verlieren an diesem Tag. Das war mein letztes Olympia, mein letzter Super-G, meine letzte Chance. In Calgary 1988 habe ich im Super-G am ersten Tor eingefädelt, in Albertville 1992 bin ich in der Abfahrt Vierter geworden. Es ging an diesem Tag nur um die Medaille.

Sie hatten die Startnummer vier – und haben im Ziel gejubelt, als hätten Sie schon gewonnen. Ahnten Sie, dass es reicht?

WASMEIER Tommy Moe (vier Tage zuvor Abfahrts-Olympiasieger, Anmerkung der Redaktion), der große Goldfavorit, war ja schon im Ziel, den hatte ich geschlagen, obwohl mir ein großer Fehler unterlaufen war. Deswegen habe ich gejubelt. Dann ist mir eingefallen: Hoppla, da kommen ja noch ein paar. Das war dann noch eine schwierige Zeit.

Ab wann war Ihnen bewusst: Ich bin Olympiasieger?

WASMEIER Ich weiß, dass ich jeden Glückwunsch abgewehrt habe. In Albertville 1992 hat mich in der Abfahrt Franck Piccard mit Startnummer 23 noch von Platz drei weggefahren. Das war ein Trauma. Aber dann ist irgendwann mein Vater über die Absperrung gekommen und hat mich umarmt, und ab da war es endlich klar. Diesen Moment werde ich nie vergessen.

Was haben Sie in diesem Moment empfunden?

WASMEIER Das sind mega Glücksmomente. Man muss sich das ja mal vorstellen: Die Familie hat viel mitgemacht, es ging auf und ab, viele Verletzungen, und dein engster Kreis, dein Team hat dir jedes Mal dabei geholfen, dass du da wieder rauskommst. So stelle ich es mir in einer Mannschaftssportart vor, wenn ein großer Sieg errungen ist. So habe ich das fast empfunden.

Sechs Tage später haben Sie den Riesenslalom gewonnen. Hatten Sie das auch im Gefühl?

WASMEIER Erst mal ist der Trubel losgegangen. Und damit ich nicht so vereinnahmt werde, sind wir rüber nach Schweden gefahren und haben mit den Schweden Riesenslalom trainiert. Meine Frau war dabei, unser jüngster Sohn. Mit einer Medaille im Riesenslalom habe ich ja nie gerechnet, aber dann waren die Schweden im Training alle weit hinter mir. Das war sehr motivierend, da bin ich mit breiter Brust zurück nach Lillehammer gekommen.

Ihr Vater hat Ihnen nach dem Sieg im Riesenslalom zugerufen: Spinnst du? Konnten Sie fassen, was passiert war?

WASMEIER Die zweite Goldmedaille war wesentlich emotionaler und schöner, wenn man das vergleichen will. Als ich im Ziel war, hatte ich Bronze sicher, allein das ist schon der Hammer. Dann kannst du mit viel Gelassenheit und Vorfreude zuschauen, ob die anderen schneller sind, das war so spannend. Dass es dann Gold geworden ist, war Emotion pur.

Sie sind dann am Saisonende zurückgetreten. Hätten Sie das auch ohne die beiden Goldmedaillen getan?

WASMEIER Das ist schwierig zu sagen. Ich habe mich damals schon schwergetan.

Was gab dann den Ausschlag?

WASMEIER Nach Lillehammer hatte ich bei der Abfahrt in Aspen einen fürchterlichen Sturz, weil ich dachte, ich bewege jetzt die Welt, aber das ist ja nicht so. Da war ich im wahrsten Sinne wieder auf dem Boden der Tatsache. Und dann hat kurz darauf beim Weltcup-Finale in Vail Frank Wörndl zwischen dem ersten und dem zweiten Lauf im Riesenslalom zu mir gesagt: Magst nicht aufhören? Genieß einfach den Lauf, es könnte dein letzter sein.

Wie haben Sie reagiert?

WASMEIER Ich habe gesagt: Wie kommst auf die Idee? Da war der Gedanke an einen Rücktritt nicht mal annähernd da. Erst, als ich wieder zu Hause war. Da habe ich von meiner Frau die Oster-Überraschung bekommen, dass ein zweites Kind unterwegs ist. Da war dann sofort der Gedanke da: Ich will meine Kinder aufwachsen sehen. Wobei ich mir noch einen ganzen Monat Zeit mit der Entscheidung gelassen habe. Und selbst dann habe ich weitertrainiert, als würde ich die nächste Saison fahren. Der Geist sagt aufhören, das Herz sagt weiterfahren.

Sind Sie in ein Loch gefallen?

WASMEIER Nein, ich bin schon von der ersten Sekunde an aufgefangen worden, als ich nach meiner Rückkehr am Flughafen empfangen wurde. Willy Bogner hat mir gleich angeboten, eine Kollektion mit ihm zu machen. Wir haben auch Filme gemacht. Da bin ich zum ersten Mal zum Pulverschneefahren gekommen. Und dann hat mich die ARD gefragt, ob ich nicht Experte werden will.

Was war die größte Veränderung für Sie?

WASMEIER (lacht) Du hast am Lift anstehen müssen, du hast dir eine Liftkarte kaufen müssen, und du hast keine freien Pisten mehr gehabt. Aber mit der ARD habe ich dann die Kamerafahrten erfunden. Da hatte ich dann wieder eine freie Piste.

Haben Sie den Weltcup vermisst?

WASMEIER Es ist schon traurig, wenn man die Weltcup-Familie verlässt, die Kollegen, mit denen man engste Freundschaft geschlossen hat. Das tut mir heute noch weh, dass ich da nicht mehr so dabei sein kann.

Sie hätten ja auch Trainer werden können.

WASMEIER Nein, die sind ja auch 300 Tage im Jahr unterwegs.

Wie wäre Ihr Leben ohne die beiden Olympiasiege verlaufen?

WASMEIER Daran habe ich nie einen Gedanken verschwendet. Klar aber ist: Viele Dinge hätte ich gar nicht machen können ohne diese Olympiasiege, vor allem das Projekt Museum.

Wie ist denn die Idee zu diesem Museum entstanden?

WASMEIER Nach Olympia habe ich dieses Stück Land gekauft. Das war Weidegebiet, ich habe gedacht, da stelle ich fünf Schafe rein. Aber in den eineinhalb Jahren nach Olympia habe ich meine Heimat endlich mal wieder wahrgenommen, und da gab es ein paar Gebäude, die schon aufgegeben waren. Ich habe mir diese Objekte angesehen und mir gedacht: Es kann doch nicht sein, dass die Nachwelt diese Gebäude nicht mehr kennt.

Auch die lila Kuh soll ein Auslöser für das Projekt gewesen sein?

WASMEIER Ja, stimmt. Zur gleichen Zeit haben sie in München Schulkinder gefragt, wie denn eine Kuh ausschaut. 60 Prozent haben geantwortet: lila. Das war dann der letzte Anstoß. Ich wollte den Menschen zeigen, wie es wirklich ist und war.

Sie hatten in den vergangenen Jahren auch einige schwierige Phasen. Sie hätten vor drei Jahren fast Ihr linkes Bein verloren, Ihre Frau Brigitte rang 2012 mit dem Tod.

WASMEIER Das trifft dich ja erst mal wie jeden, dessen Lebenspartner die Diagnose Krebs bekommt. In der Sekunde, als das bekannt wurde, war ich sofort wieder in meinem Sportmodus: hochkonzentriert, sehr wach, die Emotionen ein bisschen runtergefahren, damit ich funktioniere. Für deinen Partner bricht ja eine Welt zusammen, der hört gar nicht mehr, was der Arzt dann noch erzählt.

Wie sind Sie damit umgegangen?

WASMEIER Jetzt war ich das Auffangbecken. Ich habe versucht, meine Frau am Leben zu erhalten. Aber das waren schon ganz andere Dimensionen, was wir da erlebt haben.

Ihre Frau hat die vorgesehene Chemotherapie nicht vertragen.

WASMEIER Während des ersten von zwei geplanten Chemo-Blocks, die jeweils 96 Stunden dauern sollten, hat sie nach den ersten zehn, zwölf Stunden eine allergische Reaktion bekommen. Sie ist auf die Intensivstation gekommen, sie haben sie dort ein paar Mal zurückgeholt. Ich wusste das erst gar nicht, sie hat es erst hinterher erzählt, dass sie sich schon verabschiedet hatte von uns. Und da war mir klar: Das geht kein zweites Mal.

Sie haben dann auf eigene Verantwortung eine andere Behandlung durchgesetzt und ihr das Leben gerettet.

WASMEIER Der Arzt wollte das unbedingt ein zweites Mal durchziehen, aber ich wusste, dass meine Frau gesagt hat: Ein zweites Mal überlebe ich das nicht. Ich hab dann mit dem Arzt wie auf einem Basar diskutiert, ob es nicht eine andere Form der Chemo gibt. Als wir dann etwas gefunden hatten, sagte er zu mir: Wir machen das, aber auf Ihre Verantwortung. Das fand ich in diesem Moment ziemlich krass.

War das Ihr größter Sieg?

WASMEIER Die Olympiamedaille ist ja nur ein sportliches Ziel. Aber das Leben ist ja viel, viel länger. Das größte Geschenk sind unsere drei Kinder. Und natürlich, dass du so eine Frau hast, die so eine Kämpferin ist, die das mit so viel Humor, auch Galgenhumor durchgestanden hat. Wir sind jetzt 27 Jahre verheiratet und möchten keine Sekunde missen. Wir sitzen jeden Tag beim Frühstück und sagen: Heute ist ein schöner Tag. Wir genießen den Moment. Und: Du verschiebst auch nichts mehr.

Sehen Sie eigentlich einen Nachfolger als Olympiasieger?

WASMEIER Ich sehe drei. Felix, Stefan Luitz und Thomas Dreßen.

Felix Neureuther müsste dann aber weiterfahren, bis er 38 Jahre alt ist. Dabei steht doch ein Rücktritt nach der WM im Raum.

WASMEIER Stimmt, naja. Für ihn ist es halt immer blöd gelaufen mit Olympia, aber es ist leider kein Wunschkonzert. Wenn ich den Felix heute sehe, dann stelle ich fest: Was habe ich für ein Glück gehabt.