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Tennis
Und plötzlich scheint alles möglich

Wimbledon. Angelique Kerber und Julia Görges halten im Achtelfinale von Wimbledon die deutschen Fahnen hoch. Nach den denkwürdigen Favoritenstürzen der ersten Woche ist für das Duo alles drin.

Den Ritterschlag der Anerkennung erhielt Angelique Kerber von Sir Bobby Charlton höchstpersönlich. Trotz des parallel laufenden WM-Spiels zwischen England und Schweden hatte die britische Fußball-Legende fast durchgehend in der Royal Box des Centre Courts von Wimbledon ausgeharrt. Statt des Halbfinal-Sturms seiner Erben sah der Weltmeister von 1966, wie Kerber in ihrem Drittrundenmatch über die Japanerin Naomi Osaka hinwegfegte. Und wie sie damit – ähnlich den englischen Fußballern – ernsthafte Titel-Ambitionen anmeldete.

Gemeinsam mit Julia Görges ist Kerber nach dem Aus für Alexander Zverev die letzte deutsche Hoffnungsträgerin beim Turnier im altehrwürdigen All England Lawn Tennis Club. Spätestens nach ihrem eindrucksvollen 6:2, 6:4-Erfolg in nur 63 Minuten gegen Osaka sogar eine wirklich große. Denn die Aussichten für das deutsche Duo sind vielversprechend. Nach einer in der 50-jährigen Open-Ära einmaligen Serie an Favoritinnenstürzen gehören beide plötzlich zum engeren Kreis der Sieganwärterinnen.

Am „Manic Monday“, an dem traditionell alle Achtelfinal-Spiele der Frauen und Männer ausgetragen werden, sind Kerber und Görges die am zweit- beziehungsweise vierthöchsten notierten Spielerinnen im Feld. Neun der ersten zehn der Setzliste, darunter am Samstag auch die Weltranglistenerste Simona Halep, waren in den ersten drei Runden ausgeschieden. Neben Kerber ist aus den Top 10 der Weltrangliste einzig die Tschechin Karolina Pliskovia (Nummer 7) noch im Rennen. Die Chance auf einen ganz großen Wurf scheint gewaltig.



Glaubt man den beiden Deutschen, haben sie die ungewöhnliche Situation in der Frauenkonkurrenz des prestigeträchtigen Majors zwar registriert, bleiben davon aber selbst unbeeindruckt. „Ich habe die Augen nur auf meinem Weg, auf meinen Aufgaben“, sagte Kerber vor ihrem Achtelfinal-Duell mit der zuletzt nach mehreren Verletzungen wiedererstarkten Schweizerin Belinda Bencic: „Hier sieht man, wie eng alles zusammen ist. Für mich war es wichtig, mein Level zu steigern. Die erste Woche war nicht ohne.“

Während Kerber sich über eine knifflige Zweitrundenpartie gegen die amtierende Junioren-Siegerin Claire Liu (USA) „ins Turnier gefühlt“ hat, entdeckt Görges derzeit ihre Zuneigung zum Rasenbelag. Mit ihrem starken Aufschlag ist ihr Spiel eigentlich prädestiniert für den schnellen Untergrund, trotzdem hatte sie in Wimbledon seit 2012 fünf Auftaktniederlagen in Serie kassiert. „Seit letztem Jahr habe ich mich eigentlich arrangiert“, berichtete sie nun: „Davor hatte ich nicht so viel Bezug zum Rasen – außer vielleicht im Garten.“

Auch Görges bekommt es im Achtelfinale gegen die Kroatin Donna Vekic nun mit einer ungesetzten Spielerin zu tun. Das erste Grand-Slam-Viertelfinale ihrer Karriere scheint greifbar. Doch dass die Favoritenrolle nicht unbedingt von Vorteil ist, hat die erste Woche bereits hinreichend gezeigt. „Jede hier kann Tennis spielen, jede hat die Chance, das Turnier zu gewinnen“, sagte Görges. Das gilt aber eben auch für sie selbst – und für Angelique Kerber.

In der Männerkonkurrenz steht erstmals seit elf Jahren kein britischer Tennisprofi im Achtelfinale. Der frühere Weltranglisten-Erste Novak Djokovic beendete am Samstag das dritte Grand-Slam-Turnier der Saison für die letzte britische Hoffnung Kyle Edmund. Der zwölfmalige Grand-Slam-Sieger Djokovic setzte sich in der dritten Runde mit 4:6, 6:3, 6:2, 6:4 durch und zog damit in die Runde der besten 16 ein, wo er nun auf den Russen Karen Chatschanow trifft. Edmund war nach der Absage von Andy Murray der britische Hoffnungsträger gewesen.