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Wimbledon
Traum vom deutschen Wimbledon-Endspiel

Wimbledon. Angelique Kerber und Julia Görges haben in Wimbledon das Halbfinale erreicht. Das erste deutsche Endspiel seit 1931 scheint greifbar.

Der Traum vom deutschen Wimbledon-Endspiel lebt: Angelique Kerber und Julia Görges haben in London als erstes deutsches Frauen-Duo seit 87 Jahren gemeinsam das Halbfinale erreicht und dürfen weiter auf ein direktes Duell um den Grand-Slam-Titel hoffen. Nachdem Kerber gestern ihr am Ende packendes Viertelfinal-Duell mit der Russin Daria Kassatkina 6:3, 7:5 gewonnen hatte, zog Görges durch ein 3:6, 7:5, 6:1 gegen Kiki Bertens (Niederlande) nach. Der erste Sieg einer Deutschen im Rasen-Mekka von London nach Steffi Grafs letztem Titelgewinn 1996 ist greifbar.

Nachdem sie eineinhalb Stunden von der linken in die rechte Ecke des Platzes gehetzt war, stand Kerber im Moment des Erfolgs gegen Kassatkina wie festgefroren da. Mit einer furiosen Energieleistung hatte die Kielerin ihr drittes Wimbledon-Halbfinale erreicht, genoss nun still den Augenblick, ehe sie einen gellenden Freudenschrei losließ. „Ich habe versucht, das Match in meine Hände zu nehmen und mich an mein Limit zu pushen“, sagte Kerber: „Es war ein Match auf hohem Niveau.“

Rund eineinhalb Stunden später schlug Görges nach ihrem verwandelten Matchball die Hände vors Gesicht und atmete sichtlich bewegt durch. „Es ist unglaublich. Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, lautete ihr erster Kommentar. Kurz danach aber ergänzte Görges: „Ich habe versucht, ruhig zu bleiben, und um jeden Punkt gekämpft.“



Am morgigen Donnerstag bekommt es Görges nun mit Superstar Serena Williams (Nr. 25) zu tun, die trotz des ersten Satzverlustes im Turnierverlauf die Italienerin Camila Giorgi 3:6, 6:3, 6:4 bezwang. Bei den French Open hatte Görges gegen die US-Amerikanerin in Runde drei deutlich verloren. Görges will die Gelegenheit beim Schopfe greifen: „Es ist eine große Chance, gegen Serena hier spielen zu dürfen. Jedes Spiel beginnt bei Null.“

Die zweimalige Grand-Slam-Siegerin Kerber spielt gegen Jelena Ostapenko (Lettland/Nr. 12) um den Einzug in ihr zweites Wimbledon-Endspiel nach 2016. „Es ist egal, wer die Gegnerin ist. Jede, die im Halbfinale steht, hat das verdient“, sagte sie: „Ich sehe mich nicht als eine Favoritin.“

Zwei deutsche Halbfinalistinnen bei einem Grand-Slam-Turnier hatte es in der 50-jährigen Geschichte des Profitennis nur 1990 bei den Australian Open und 1993 bei den French Open gegeben. In Wimbledon war dies in 134 Jahren nur 1931 der Fall, als Cilly Aussem und Hilde Krahwinkel sogar das Endspiel bestritten. Die Geschichte könnte sich nun wiederholen.

Kerber hatte gegen Kassatkina furios begonnen. Mutig, variantenreich und vor allem nahezu ohne Fehler diktierte die Kielerin auf dem nicht ganz vollbesetzten Centre Court das Geschehen. Bis zum Ende des ersten Satzes unterliefen ihr nur zwei sogenannte „Unforced Errors“ – gegenüber derer 13 bei Kassatkina.

„Ich bin eine Künstlerin. Ich bin nicht langweilig, nicht im Leben und nicht auf dem Platz“, hatte die Russin vor dem Match gesagt. Doch mit ihrem zwar fraglos attraktiven, aber eben auch hochriskanten Spiel verpokerte sie sich diesmal. Nach einem Ass und einer im Sprung die Linie entlang geprügelten Rückhand schien sich Kassatkina ins Match zu arbeiten. Nur um dann mit zwei Doppelfehlern den Satz herzuschenken.

Auch im zweiten Durchgang zahlte sich Kerbers geduldige Defensiv-Leistung mit Attacken in den entscheidenden Momenten voll aus. Kassatkina leistete sich weitere 20 „Unforced Errors“ und insgesamt sieben Doppelfehler. Erst in der nervenaufreibenden Schlussphase hatte auch Kerber einige Probleme, vergab ihre ersten sechs Matchbälle – und durfte am Ende doch jubeln.

Görges hatte gegen derweil Bertens, mit der sie gut befreundet ist und regelmäßig im Doppel an den Start geht, in einem ausgeglichenen ersten Satz als erste bei ihrem Aufschlag gewackelt. Das Break zum 3:5 entschied den Durchgang. Im zweiten Satz biss sich Görges zurück ins Match. Im Entscheidungsdurchgang ging sie schließlich schnell mit 4:1 in Führung und bewies am Ende wie Kerber Nervenstärke.