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Turn-WM in Doha/Katar
Wenn Bronze einen goldenen Glanz hat

Elisabeth Seitz zeigt stolz die erste WM-Medaille ihrer Karriere. Die Stuttgarterin gewann Bronze am Stufenbarren.
Elisabeth Seitz zeigt stolz die erste WM-Medaille ihrer Karriere. Die Stuttgarterin gewann Bronze am Stufenbarren. FOTO: AP / Vadim Ghirda
Doha. Turnerin Elisabeth Seitz feiert ihren dritten Platz bei der WM wie einen Sieg. Die US-Amerikanerin Simone Biles schreibt Geschichte. dpa/sid

Elisabeth Seitz bestieg an ihrem 25. Geburtstag mit Glücksgefühlen im Bauch den Flieger in die Heimat, Lukas Dauser ärgerte sich am Sonntag noch immer über seinen Fehler im Barren-Finale. Die deutsche Rekordmeisterin Seitz genoss ihre erste WM-Medaille in vollen Zügen, zumal auch ihre Teamgefährten die Sternstunde zu würdigen wussten und sie noch am Abend im Mannschaftshotel mit Sektempfang und einer Riesen-Torte überraschten.

„Das fand ich super. Ich habe mich riesig gefreut“, meinte die stabilste deutsche Turnerin der vergangenen Jahre, die nun endlich „dieses kleine Ding um den Hals“, wie sie selber sagte, von einer WM mitbringt. „Es war der Wahnsinn. Ich habe so geschrien und gebangt“, sagte ihre Mutter Claudia, die extra für die Finals ein zweites Mal nach Doha geflogen war. „Erst habe ich gezögert, denn das kostet ja ein bisschen. Aber jetzt bereue ich nichts.“ Er sei „übertrieben stolz auf Eli“, meinte der 13-jährige Bruder Gabriel, gleichfalls Turner.

Die Medaille verschafft Eli Seitz nun Rückenwind für die noch wichtigere Heim-WM 2019 in Stuttgart. Dort geht es um die Olympia-Tickets. Doch Cheftrainerin Ulla Koch, die „so happy“ über die Leistungen ihrer Riege war, die das WM-Finale von Doha erreichte und dort Achte wurde, mahnte: „An Sprung und Boden müssen wir zulegen.“



Noch mehr gilt das für die deutschen Turner, deren WM-Leistung nach dem Verpassen des Team-Finales als Zehnter durch Lukas Dauser im Barren-Finale nicht getoppt werden konnte. „Ich werde zwei Tage brauchen, um das zu verarbeiten. Aber unter dem Strich steht, dass ich zu den besten acht Turnern der Welt am Barren gehöre“, meinte er traurig nach seinem Fehler. Beim überlegenen Sieg des Chinesen Zou Jinyuan war er nicht über Platz acht hinausgekommen.

Bei einer Wüstensafari hatte sich Dauser zuvor versucht abzulenken. „Eine coole Aktion, mal mit dem Jeep durch die Wüste zu brettern“, meinte er. Doch wie im Mehrkampf-Finale patzte er am Samstag beim Makuz – auch die Tipps seines Freundes Fabian Hambüchen hatten ihm nicht geholfen. „Es tut aber echt gut, wenn man erfährt, wie es anderen vor solchen Finals geht“, sagte der 25 Jahre alte Bayern-München-Fan.

Dauser will nun mit Blick auf die Stuttgarter WM aus seinen Fehlern lernen. „Das wird ein Riesenkampf bei den Männern. 15 Riegen streiten dort um die letzten neun Olympia-Plätze“, sagte DTB-Präsident Alfons Hölzl. „Ich bin guter Dinge, aber wir müssen zulegen in Ausgangswert und Stabilität“, forderte der Münchner. „Die Defizite sind erkannt. Es war klar, dass wir nach der Ära Hambüchen auch Schwächen zeigen werden“, sagte Sportdirektor Wolfgang Willam: „Die Trauben hängen hoch.“ Die Frauen sehen beide auf gutem Weg. „Mit den derzeit verletzten Pauline Schäfer (Bierbach) und Tabea Alt werden wir die kleinen Schwächen am Balken kompensieren“, prognostizierte Willam.

Überragende Turnerin des ersten Weltchampionats im Mittleren Osten war beim Comeback zwei Jahre nach ihren vier Olympiasiegen von Rio die US-Amerikanerin Simone Biles. Am Schlusstag erhöhte sie am Boden (14,933 Punkte) ihr Titelkonto auf 14 und bekräftigte ihren Ruf als erfolgreichste Athletin der Turn-Geschichte. Die 21 Jahre alte Texanerin gewann mit der US-Riege und hatte durch Erfolge im Mehrkampf und am Sprung den Weißrussen Witali Scherbo überflügelt, der zwischen 1991 und 1996 zwölf WM-Titel erkämpft hatte.

Dass aus sechs von sechs möglichen Weltmeistertiteln am Ende „nur“ vier Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille wurden, war für Biles überhaupt kein Grund, sich ihre prächtige Laune verderben zu lassen. „Ich bin sehr glücklich, in jedem Wettbewerb eine Medaille gewonnen zu haben. Die Farbe ist mir ganz egal“, sagte die 21-Jährige und setzte ihr Dauerlächeln unverändert fort. Denn das Jahrhunderttalent aus Texas hat sich seinen Platz in der Turngeschichte längst gesichert.

Und längst ist die Führungsrolle von Biles nicht mehr auf das Turnpodium beschränkt. Als letzte der noch sportlich aktiven „Überlebenden“ (Survivors) des sexuellen Missbrauchs durch den langjährigen US-Teamarzt Larry Nassar hat ihre Stimme großes Gewicht. Ohne Biles‘ Zustimmung fallen im nationalen Verband keine wichtigen Entscheidungen mehr.

Über die schrecklichen Ereignisse rund um die Person Nasser hat die vierfache Olympiasiegerin wenigstens nicht ihren Witz verloren. Dass sie aus Katar nicht nur sechs WM-Medaillen, sondern auch einen schmerzhaften Nierenstein zurück in die USA brachte, nahm Biles mit Humor: „Ich nenne ihn meine Perle von Doha.“