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Skispringen
Faulpelz Kobayashi ist endlich ausgeschlafen

 Ryoyu Kobayashi, Sieger in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen, ist der gefragteste Skispringer bei der Vierschanzentournee.
Ryoyu Kobayashi, Sieger in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen, ist der gefragteste Skispringer bei der Vierschanzentournee. FOTO: dpa / Angelika Warmuth
Innsbruck. Der Skispringer aus Japan mag schnelle Autos und weite Sprünge. Bei der Vierschanzentournee greift er sogar nach dem Grand Slam. sid

Ryoyu Kobayashi war stolz wie Bolle. Nicht unbedingt auf seinen zweiten Sieg bei der laufenden Vierschanzentournee. Klar, das auch. Vor allem aber auf seine schicken neuen Winterstiefel, die er mit leuchtenden Augen bei der Pressekonferenz nach seinem Triumph beim Neujahrsspringen präsentierte. Optisch wie sportlich ist der Japaner das Maß der Dinge im Skisprung-Zirkus – als drittem Flieger nach Sven Hannawald und Kamil Stoch könnte dem 22-Jährigen der Tournee-Grand-Slam gelingen.

„Damit befasse ich mich nicht. Beides waren so wunderbare, so gute Springer – so weit bin ich noch nicht“, sagte Kobayashi. Dabei ist er, der die Tournee trotz zweier Siege nur hauchdünn vor Markus Eisenbichler anführt, schon verflucht weit gekommen, wenn man sich seiner Ausgangsposition vergewissert.

Kobayashi, lange als schlampiges Talent und Faulpelz abgestempelt, hatte in der Saison 2016/2017 bei 17 Weltcup-Einsätzen keinen einzigen Punkt geholt. Nun legte er mit sechs Siegen aus neun Springen den besten Saisonstart seit Thomas Morgenstern vor elf Jahren (sechs Siege in den ersten sechs Wettbewerben) hin. Zu verdanken ist diese schier irrwitzige Entwicklung vor allem Kobayashis finnischem Trainer Janne Väätainen, der das Sorgenkind aus der Komfortzone quasi herausschleifte.



„Als Ryoyu Kobayashi verstanden hat, mehr machen zu müssen als nur Porsche zu fahren, ist er gut geworden“, sagte Väätäinen der Tiroler Tageszeitung. Dass sich Kobayashi wie oft kolportiert zu viel mit seinem Porsche Cayenne befasst habe, wies der Japaner zurück: „Ist gar kein Cayenne, ist ein Cayman“, sagte er. Dennoch traf Väätäinen den Kern der Sache.

„Ich habe immer wieder versucht, ihn zu mehr Training zu bewegen, aber bis dahin war er darüber nicht erfreut“, sagte Väätäinen. Klar, Hobby-DJ Kobayashi sei weiterhin kein Total-Asket: „Er genießt das Leben. Was er auch macht, er hat dieses spitzbübische Lächeln eines kleinen Jungen im Gesicht.“ Doch mittlerweile steht der Sport eindeutig im Mittelpunkt, am Silvester-Abend beispielsweise war für Kobayashi und seine Teamkollegen um 22 Uhr Bettruhe angesagt, zum Jahreswechsel weilte der Tournee-Favorit im Schlummerland. Mit dem Ergebnis, dass Kobayashi ausgeschlafen die Fachwelt verzückt.

„Er ist mit den Skiern unfassbar schnell am Körper“, sagte der deutsche Bundestrainer Werner Schuster: „Es war zu befürchten, dass er irgendwann schnallt, wie er gut springen kann. Der wird noch länger lästig sein.“ Bei der Vierschanzentournee auf jeden Fall. „Ich glaube nicht, dass die Vorentscheidung in Innsbruck fallen wird“, sagte Schuster auch für den Fall eines weiteres Erfolgs von Kobayashi: „Ich hoffe, dass wir in Bischofshofen mit Markus noch um den Sieg kämpfen.“ Hannawald, der Kobayashi den Grand Slam mit Siegen in allen vier Tournee-Springen durchaus zutraut, attestiert dem Japaner schon vorab „Perfektion pur“.

Wie sein Konkurrent Eisenbichler hechelt Kobayashi einem großen Landsmann hinterher, Japans Durststrecke ist dabei noch größer als jene der Deutschen, die in Hannawald letztmals 2002 den Tourneesieger stellten. Japans einziger Triumphator war 1998 Kazuyoshi Funaki, ebenfalls ein Ausnahme-Luftgleiter, die Vergleiche mit Kobayashi drängen sich förmlich auf. Dieser weist das freilich von sich. Er denke gar nicht so sehr an den Tourneesieg, sagte er in Garmisch, sondern „immer nur an das nächste Springen“. Und womöglich an das nächste Paar Winterstiefel. Doch damit kann sein Trainer Väätäinen durchaus noch leben.