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Kerber will kürzertreten
Kerber realisiert: "Ich bin komplett"

Einer der seltenen Momente, in denen Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber ihre Trophäe auf der gestrigen Pressekonferenz in Stuttgart kurz aus den Augen ließ.
Einer der seltenen Momente, in denen Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber ihre Trophäe auf der gestrigen Pressekonferenz in Stuttgart kurz aus den Augen ließ. FOTO: dpa / Marijan Murat
Stuttgart. Die Königin von Wimbledon ist zurück: Gestern wurde Angelique Kerber in Stuttgart empfangen. In Zukunft will die 30-Jährige kürzertreten.

Angelique Kerber lehnte sich lässig an den Sportwagen, ihre funkelnde Trophäe himmelte sie dabei immer wieder verliebt an. „So langsam realisiere ich, dass ich Wimbledon-Siegerin bin“, sagte Kerber gestern beim Empfang im Stuttgarter Porsche-Museum. Drei Tage war ihr Triumph im Rasen-Mekka in diesem Moment alt – Erholung fand die 30-Jährige bis jetzt kaum.

„Ich habe so viel erlebt. Die Tage waren sehr lang, geschlafen habe ich wenig“, sagte Kerber, die sich nach der Erfüllung ihres großen Traumes deshalb nicht mit Schmuck oder einem sehr teuren Geschenk, sondern etwas für sie viel Wertvollerem belohnen will: Zeit.

Erst Anfang August wird Kerber wieder auf dem Platz stehen, wenn mit dem Hartplatz-Turnier in Cincinnati die Vorbereitung für die US Open beginnt. Bis dahin will die Kielerin unbedingt den ersehnten Grillabend mit ihren Großeltern verbringen und im Urlaub die Beine hochlegen. Ein Zustand, an den sich die Tennis-Fans in Deutschland in Zukunft wohl gewöhnen müssen.



Denn Kerber wird, ganz nach dem Vorbild des großen Roger Federer, ihre Turnierteilnahmen künftig deutlich bewusster auswählen und dabei den Fokus auf die Qualität, nicht mehr auf die Quantität legen. „Es geht mir nicht mehr um die Weltrangliste“, sagte die frühere Nummer eins der Welt, die nach ihrem dritten Grand-Slam-Erfolg im Ranking an Position vier geführt wird: „In einem Finale zu stehen, gegen die besten Spieler der Welt auf der großen Bühne – das sind doch die Momente, für die man aufsteht und trainiert.“

Dass ihr das ausgerechnet beim ältesten und wichtigsten Turnier der Welt wieder gelungen war, nach einem Seuchenjahr mit vielen Tiefschlägen, nach anhaltender Kritik, war keinesfalls Zufall. „Ich habe nach 2017 die Motivation vor allem durch Wimbledon wieder gefunden“, verriet Kerber: „Ich habe mir gesagt, dass ich diesen Titel unbedingt noch will.“

Weil sie hinter diesem Ziel nun ein Häkchen setzen darf, bezeichnete sich Kerber gestern vor mehr als einem Dutzend Kamerateams und 40 Medienvertretern als „komplett“. Der noch fehlende Sieg bei den French Open in Paris? „Aktuell ist das kein Thema, daran denke ich nicht“, sagte Kerber, die mit dem Selbstvertrauen des jüngsten Erfolgs aber meinte: „Unrealistisch ist ein Sieg dort nicht, denn ich habe Gefallen auf Sand gefunden.“

Vielleicht wirkte die erste deutsche Wimbledon-Siegerin seit der großen Steffi Graf vor dem Hintergrund, künftig praktisch nur noch gewinnen zu können, auch deshalb so entspannt und locker wie selten. Selbst nach ihrem ersten Grand-Slam-Coup in Australien oder dem zweiten bei den US Open (beide 2016) trat Kerber längst nicht so befreit auf wie gestern.

Sogar Niederlagen, die in den kommenden Wochen und Monaten zwangsläufig eintreten werden, können ihr nichts mehr anhaben. „Wenn ich nämlich die Trophäe von Wimbledon sehe“, sagte Kerber, „dann kommen Gefühle und Emotionen hoch, von denen ich 30 Jahre geträumt habe. Die werden ewig in mir sein.“