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Fußball-WM
Kaminer glaubt nicht an ein weltoffeneres Russland

Wladimir Kaminer glaubt, dass nach einer freundlichen WM wieder die eiserne Hand regiert.
Wladimir Kaminer glaubt, dass nach einer freundlichen WM wieder die eiserne Hand regiert. FOTO: dpa / Uwe Zucchi
Berlin. Das Land wolle sich in erster Linie als perfekter WM-Gastgeber inszenieren, obwohl viel schiefläuft, sagt der Schriftsteller.

Für Erfolgsautor Wladimir Kaminer wird die Fußball-WM keine nachhaltige Wirkung auf den Gastgeber haben. „Ich glaube nicht, dass die WM Russland verändern wird. Nachher fahren die Menschen wieder nach Hause, das Turnier ist in drei Monaten vergessen“, sagt der Bestseller-Autor (Russendisko“) im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid).“

Kaminer macht seinem Heimatland den Vorwurf, sich nur zum Groß­event freundlich zu präsentieren. Danach werde wieder mit eiserner Hand regiert. „Sicherlich wird das Land gute Miene zum bösen Spiel machen“, sagt er: „Die Führung will das angekratzte Image des Landes aufpolieren.“ Auch innenpolitisch verfolge sein Namensvetter Putin mit der WM klare Ziele. Russlands Machthaber wolle bei seinem Volk Sympathien sammeln und die Stimmung im Lande verbessern. „Es gibt eine alte Weisheit in Russland, die besagt: Fußball für die Männer, Blumen für die Frauen und Eis für die Kinder. Und so macht er das“, sagt der 50-Jährige.

Nach Einschätzung des 1967 in Moskau geborenen Schriftstellers erhalte die liberale Opposition zur WM eine Verschnaufpause und werde von Putins Männern nicht mehr so gejagt wie zuletzt. Auch werden politische Prozesse ausgesetzt, vielleicht kommen sogar politische Gefangene frei. „Dann hätte die WM schon was bewirkt“, sagt Kaminer, der seit 1990 in Berlin lebt.



Angst bräuchten ausländische Besucher dennoch nicht vor Russland zu haben. „Die vielen WM-Touristen werden sehen, dass die Russen doch keine Bären sind, sondern ganz normale Menschen wie du und ich“, meint Kaminer, der mit Frau und zwei Kindern im Stadtbezirk Prenzlauer Berg lebt: „Es gibt nur ein Problem mit der russischen Führung, aber das Land ist in Ordnung.“

Manchmal ist das politische Handeln des WM-Gastgebers für Kaminer nur mit Humor zu ertragen. So wurde der Bürgermeister von St. Petersburg von Putin gezwungen, mit seinem Büro auf die Stadion-Baustelle zu ziehen. Dort sei das Dach beschädigt worden. Dann habe man festgestellt, dass es die Pelikane waren. „Jetzt heißt es, es wird alles gut, wenn die Pelikane nicht so viel auf die Dächer kacken“, amüsiert sich Kaminer. Unglücklich sei auch die Wahl von Saransk als Spielort. Dabei handelt es sich um die Hauptstadt von Mordwinien, „einer Republik, die durch Gefängnisse und Lager bekannt ist“, erzählt Kaminer: „Nur Russen, die vorbestraft sind, kennen Saransk.“

Immerhin sei die Vorbereitung meist reibungslos verlaufen. „Also, die Infrastruktur ist vorhanden, die Stadien sind fertig. Man kann zufrieden sein“, sagt der Autor. Nur habe es das riesige Reich versäumt, eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen. „Es sieht so aus, als könne Russland nur Weltmeister werden, wenn der Präsident mitspielt.“ Vielleicht stehe Putin „ja im ersten Spiel gegen Saudi Arabien im Tor...“