| 22:14 Uhr

Fußball-WM in Russland
„Fußball-Professor“ und zweiter Vater

Sotschi. Erst ein Gegentor: Brasiliens Nationaltrainer Tite hat sein Team auf Kurs gebracht.

Vielen ist schon sein Name ein Rätsel. Luiz Felipe Scolari hatte ja immerhin schon in Europa trainiert. Carlos Dunga spielte sogar mal in der Fußball-Bundesliga. Aber Tite? Im Vergleich zu seinen Vorgängern kannte den aktuellen Nationaltrainer Brasiliens außerhalb seiner Heimat kaum jemand. Dem 57-Jährigen aber ist das gelungen, was weder Dunga noch Scolari zuletzt geschafft haben: Tite hat die Seleção mit neuen Methoden zu alter Stärke geführt. Vor dem heutigen WM-Viertelfinale gegen Belgien (20 Uhr/ZDF) ist Tites Team das konstanteste bei dem Turnier in Russland.

Aber wieso ist die Arbeit von „Tschitschi“, so wird er ausgesprochen, so erfolgreich? Warum nennen ihn sogar Superstars wie der 222-Millionen-Euro-Angreifer Neymar „den Professor“? Und wieso eigentlich Tite, obwohl er doch mit bürgerlichem Namen Adenor Leonardo Bachi heißt? Daran hat Scolari Schuld. Als der junge Trainer Scolari vor vielen Jahren in einem Jugendspiel den noch jüngeren Spieler Bachi begeistert beobachtete, wollte er ihn unbedingt verpflichten. Er ging zu seinen Clubbossen, schwärmte von der Nummer 10, diesem Tite, den wolle er in seinem Team haben. Die Nummer 10 aber war Bachi, Scolari verwechselte nur seinen Namen mit dem eines Mitspielers. So wurde aus Adenor Leonardo Bachi Tite.

Scolari und Tite sind sich anschließend oft als Trainer begegnet. Der Ansatz der beiden aber könnte kaum unterschiedlicher sein. Brasilien 2018 spielt längst nicht mehr wie Brasilien 2014 unter Scolari. Tites Team ist neben Uruguay das einzige Team bei der WM, das erst ein Gegentor kassiert hat. Wie keiner seiner Vorgänger setzt Tite auf taktische Disziplin. Egal ob Neymar, Philippe Coutinho oder Casemiro: Jedem seiner Spieler kommt in der Defensivarbeit eine klare Aufgabe zu – und jeder hält sich auch daran. Sieben Gegentore gegen Deutschland? Das wäre unter Tite kaum vorstellbar gewesen.



„Die Essenz eines großen Trainers ist es, das Beste aus seinem Team herauszuholen“, sagte Tite. „Der Trainer muss seinen Stil der Mannschaft anpassen, nicht umgekehrt.“ Tite und die Seleção passen scheinbar perfekt zueinander. Seit seinem Jobantritt im Sommer 2016 hat der Coach von 25 Partien erst eine mit den Brasilianern verloren und erst sechs Gegentore kassiert.

Außergewöhnlich ist auch sein Verhältnis zu den Spielern. Sechs der elf Stammspieler wie Thiago Silva, Paulinho oder Marcelo sind laut der Tageszeitung „El País“ ohne ihren Vater aufgewachsen. Er habe vor einigen Jahren seine Karriere wegen persönlicher Probleme schon beenden wollen, erzählte Paulinho, heute Mittelfeldspieler des FC Barcelona. Dann habe er 2010 bei seinem Wechsel zu Corinthians Tite kennengelernt, der damals noch den Club aus Sao Paulo trainierte. „Ich habe dort den Mann getroffen, der mein Leben verändert hat und ein zweiter Vater für mich wurde – Professor Tite.“ Zu vielen seiner Spieler pflegt der Coach eine ähnlich enge Beziehung.

Tite versteht es scheinbar perfekt, mit den oft speziellen, aber auch sensiblen Ballkünstlern des Rekord-Weltmeisters umzugehen. Auch taktisch hat er ihr Vertrauen gewonnen. Als es in den ersten 25 Minuten des WM-Achtelfinales gegen aggressiv attackierende Mexikaner überhaupt nicht gut lief, veränderte Tite die Grundordnung seiner Mannschaft. Mexiko verlor im Pressing den Zugriff, Brasilien gewann souverän 2:0. Und auch Lothar Matthäus mag Tite und lobt: „Er hat den Mix gefunden zwischen dem magischen brasilianischen Fußball und europäischer Disziplin.“