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Fußball-WM in Russland
Englands Moment der Wahrheit

Repino. Die Kicker von der Insel treffen heute im WM-Achtelfinale auf Kolumbien, das auf einen Einsatz von Bayern-Star James hofft.

Seit zwölf Jahren kein K.o.-Spiel gewonnen, seit 22 Jahren alle fünf Elfmeterschießen verloren, aber vor dem Achtelfinale gefühlt schon im Endspiel: Die Euphorie um Englands Fußball-Nationalmannschaft ist Dauer-Twitterer und Überall-Experte Gary Lineker suspekt. „Es wirkt so, als hätten wir die wichtigste Stammtischparole des Fußballs vergessen: Immer ein Spiel nach dem anderen angehen“, schrieb der ehemalige Stürmer genervt: „In diesem Spiel geht es darum, nach zwölf Jahren mal wieder ein K.o.-Spiel zu gewinnen. Damit ist doch alles gesagt.“

Doch nach der guten Vorrunde und mit der Verlockung der wahrscheinlich leichteren Turnierhälfte träumen die leidgeplagten britischen Fußball-Fans schon vor dem Achtelfinale am heutigen Dienstag im Moskauer Spartak-Stadion gegen Kolumbien (20 Uhr/ARD) vom Coup. Angesichts eines möglichen Viertelfinals gegen die Schweiz oder Schweden und einem Halbfinale gegen Russland oder Kroatien sogar vom ersten Endspiel seit dem Titelgewinn 1966. Ex-Nationalspieler Michael Owen schrieb in einer Kolumne für die „Daily Mail“, England habe vielleicht „eine riesige Chance, das Turnier zu gewinnen.“ Und Harry Kane strotzt nur so vor Tatendrang. „Jetzt kommt der Moment der Wahrheit“, sagte der bereits fünffache Turnier-Torschütze: „Mein Selbstvertrauen ist unendlich, und ich bin zu allem bereit.“

Der Hype ist so groß, dass die von Trainer Gareth Southgate getragenen Anzugwesten auf der Insel zum Renner werden. „Ich kenne meine Stärken und weiß, dass ich kein David Beckham bin“, entgegnete dieser schmunzelnd. Der Euphorie im Lager der sonstigen Dauer-Pessimisten traut Southgate nicht ganz. Deshalb war er vor „Englands wichtigstem Spiel seit zehn Jahren“ sogar froh über Kritik an seiner Wechsel­arie vor dem Gruppenfinale gegen Belgien (0:1). „Um ehrlich zu sein: Ich habe mich nicht ganz wohlgefühlt mit der Beweihräucherung“, sagte er: „Deshalb finde ich es gut, dass es nun auch Gegenwind gibt.“



Die Niederlage des eigenen B-Teams gegen Belgien sowie die Kritik haben die Sinne innerhalb der Truppe geschärft. Zumal alle Spieler, zumindest nach außen, Southgates Entscheidung mit acht Wechseln stützen. Sogar Kane, obwohl dieser unbedingt WM-Torschützenkönig werden will. „Er sagte zu mir: „Natürlich will ich den Goldenen Schuh gewinnen. Aber das Wichtigste ist die Mannschaft“, berichtete Southgate: „Er hat es zu 100 Prozent verstanden und gezeigt, dass er ein echter Führungsspieler ist.“

Der Führungsspieler beim Gegner gibt dagegen Anlass zur Sorge. James Rodríguez, das strahlende Gesicht des kolumbianischen Fußballs, ist wieder verletzt – Bluterguss in der rechten Wade. Der Einsatz des Mittelfeldspielers vom FC Bayern scheint ziemlich fraglich, ein ganzes Land bangt mit dem WM-Torschützenkönig von 2014. Das medizinische Team arbeite an einem „Wunder“, heißt es in den Medien. Besonders bitter für Rodríguez: In München hatte sich der 26-Jährige unter Jupp Heynckes, der ihn für ein „fußballerisches Genie“ hält, in der Bundesliga-Rückrunde so richtig in WM-Form gebracht – mit starken Auftritten auch in der Champions League gegen die Ex-Kollegen von Real Madrid.

Nach zweitägigem Schweigen hatte der Verband eine Diagnose bekanntgegeben. Eine MRT-Untersuchung in Kasan habe ergeben, dass Rodríguez zumindest keinen Muskelfaserriss erlitten habe, hieß es in einer Mitteilung. James hatte sich die Verletzung im letzten Gruppenspiel seiner Mannschaft zugezogen, als er beim 1:0 gegen Senegal nach einer halben Stunde vom Platz musste. Im Training ist James nicht mehr gesehen worden, seit er am Donnerstag im Kabinengang verschwunden war.

Cheftrainer José Pekerman zeigte sich gestern aber erstmals vorsichtig optimistisch. „Es gibt gute Neuigkeiten nach den medizinischen Tests. Es ist keine gravierende Verletzung“, sagte Pekerman bei der gestrigen Abschlusspressekonferenz, „wir haben eineinhalb Tage und werden sehen, wie er sich fühlt. Wir hoffen, dass er spielen kann.“