| 22:13 Uhr

Tennis
Eine ohrenbetäubende Niederlage

Wimbledon. 2004 ging in Wimbledon der Stern von Maria Scharapowa auf, 14 Jahre später scheiterte sie in Runde eins. Die Zweifel, ob die Russin wieder ihr früheres Niveau erreicht, mehren sich.

Maria Scharapowas Schreie der Verzweiflung hallten donnernd über die Tennis-Anlage von Wimbledon. Zusätzlich verstärkt durch die Lautsprecher der großen Video-Wand war weithin hörbar, wie sich die Russin im letzten Spiel am Dienstagabend mit gewohnt geräuschvollem Stöhnen gegen die drohende Niederlage stemmte. Doch nach 3:11 Stunden dröhnenden Kampfes kehrte plötzlich Stille ein. Scharapowa war ausgeschieden – zum ersten Mal überhaupt in Runde eins des Rasen-Klassikers.

Die 31-Jährige gab sich anschließend alle Mühe, das krachende Aus vorsichtig einzuordnen. Dass die 7:6 (7:3), 6:7 (3:7), 4:6-Pleite gegen ihre Landsfrau Witalija Djatschenko – die zuvor in elf Anläufen gerade einmal zwei Matches bei Grand-Slam-Turnieren gewonnen hatte – eine herbe Enttäuschung darstellte, wollte sie gar nicht leugnen. Wohl aber, dass sich daraus ein seit der Rückkehr von ihrer 15-monatigen Dopingsperre schleichender Niedergang ablesen ließe. „Ich habe doch auch vorher nicht jedes Mal das Halbfinale erreicht, oder?“, fragte sie leicht schnippisch zurück, nachdem sie auf die zuletzt fehlenden großen Erfolge bei den vier Majors angesprochen wurde. Der Kampf, den sie geliefert, die Motivation, die sie gespürt habe und ihre gute körperliche Verfassung, stimmten sie weiterhin positiv, beteuerte Scharapowa: „Tennis ist ein Prozess. Ich habe definitiv große Fortschritte gemacht, unabhängig von dem Ergebnis heute.“

Tatsächlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass Scharapowa seit Ablauf ihrer Sperre wegen Meldonium-Missbrauchs auch Erfolge verbuchen konnte. Der Einzug ins French-Open-Viertelfinale Anfang Juni, wenn auch durch einen kampflosen Sieg gegen die verletzte Serena Williams errungen, gehört beispielsweise dazu. Unterm Strich jedoch fehlen die ganz großen Ausreißer nach oben weiterhin. Zu wenig für eine fünfmalige Grand-Slam-Siegerin.



2004 war in Wimbledon Scharapowas Stern aufgegangen. Im Alter von 17 Jahren stürmte sie damals furios zum Titel, entzauberte im Finale sogar US-Tennis-Queen Williams. Scharapowa war eine Erscheinung: 1,85 Meter groß, blond, ausgestattet mit einer krachenden Vorhand und einem donnernden Aufschlag. Diese Spielerin würde eine Ära prägen, mutmaßten viele Experten schon damals. Sie sollten Recht behalten. Denn Scharapowa wurde zum Superstar, gewann als zehnte und bis heute letzte Spielerin alle vier Major-Turniere. Der letzte Erfolg datiert allerdings inzwischen aus dem Jahr 2014, als sie ihren zweiten French-Open-Titel gewann

Die anschließende Doping-Affäre und die damit verbundene Zwangspause schadeten nicht nur ihrem Ruf, sondern auch ihrem Spiel. In der Weltrangliste wird sie derzeit nur noch auf Position 22 geführt. Dass Scharapowa trotzdem noch einmal zu ihrer alten Form zurückfindet, ist keineswegs ausgeschlossen. Ihre physische und mentale Stärke besitzen auf der Frauen-Tour noch immer nur wenige. Die Zeit allerdings arbeitet nicht unbedingt für die Russin. Zweifel sind zumindest angebracht.