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Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber
Ein Tanz im roten Kleid und keine Erholung

Angelique Kerber kommt im roten Kleid zum traditionellen Wimbledon Champions Dinner in die Guildhall.
Angelique Kerber kommt im roten Kleid zum traditionellen Wimbledon Champions Dinner in die Guildhall. FOTO: dpa / Yui Mok
London. Auf Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber warten stressige Tage. Erst im August wird sie wieder auf dem Tennisplatz stehen.

Im eleganten roten Abendkleid sagt Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber spontan für ein Tänzchen zu. Strahlend dreht sich Deutschlands beste Tennisspielerin mit Novak Djokovic auf der Bühne. Dabei ist die Tradition des Tanzens beim Champions Dinner in Wimbledon eigentlich schon lange abgeschafft. Doch der serbische Rasen-König fordert die „Lady in Red“ auf – unter dem Jubel des Publikums – und verbeugt sich anschließend vor der ersten deutschen Turniersiegerin seit Steffi Graf vor 22 Jahren. „Das hier“, sagt Kerber, „ist einer der speziellsten Abende meiner Karriere. Ich kann es immer noch nicht glauben, ich brauche sicher noch ein paar Tage.“

Nach Rindercarpaccio, Heilbutt und zum Nachtisch Erdbeeren verabschiedet sich die 30 Jahre alte Tennisspielerin nach Mitternacht aus der Londoner Guildhall. Die Sieger-Schale, die sie kurz nach dem Endspiel bereits hatte abgeben müssen, ihr beim Champions Dinner aber wieder überreicht wurde, wird ihr erneut abgenommen. Eine kleinere Replika nimmt sie mit ins Hotel. „Die gebe ich auch nicht mehr her“, sagt die Kielerin. Was jetzt als Nächstes kommt? „Der Nächste“, antwortet Kerber – und meint wohl den nächsten Titel bei einem der vier Grand-Slam-Turniere.

Sie hat die Australian Open gewonnen, sie hat sich Olympia-Silber in Rio gesichert, sie hat den Sprung zur Nummer eins geschafft, bei den US Open triumphiert. Und nun ist sie die erste deutsche Wimbledon-Siegerin in diesem Jahrtausend. Alles, was sich die Schleswig-Holsteinerin mit Wohnsitz im polnischen Puszczykowo einmal erträumt und vorgenommen hatte, hat sie erreicht. „Egal was jetzt kommt, es ist natürlich Bonus“, sagt die Linkshänderin. Ein baldiges Karriere-Ende sei aber kein Thema. „Aufhören ist für mich ganz weit weg“, sagt Kerber.



In der gestern veröffentlichten neuen Weltrangliste wird Kerber als Nummer vier geführt, so gut stand sie seit elf Monaten nicht mehr da. „Es kann sein, dass sie noch mal sagt: Jetzt greife ich noch mal die Eins an. Sie ist die Konstanteste“, erklärt die deutsche Damen-Chefin Barbara Rittner.

Noch beträgt der Rückstand der zwölffachen Turniersiegerin auf die rumänische Weltranglisten-Erste Simona Halep mehr als 2200 Punkte. Bei den US Open in New York, die am 27. August beginnen, kann sie eine Menge gutmachen, weil sie in ihrer Frust-Saison 2017 in der ersten Runde gescheitert war. Ihren nächsten Turnier-Auftritt hat sie für Anfang August in Montreal geplant.

Überglücklich, aber nach zwei „gigantischen Wochen“ auch „durch, fertig und mental platt“ machte sich Kerber gestern auf den Heimweg zu ihren Großeltern nach Polen. Ihr herausragendes Comeback nach ihren Enttäuschungen von 2017 hat an ihr gezerrt, aber Erholung ist nicht: Der Abstecher wird kurz und stressig. Schon morgen Mittag stellt sich Kerber in Stuttgart bei einem ihrer Sponsoren der Presse.

Nach ihren beiden Grand-Slam-Siegen im Jahr 2016 und den schlechten Ergebnissen ein Jahr später habe sie gelernt, dass „Tennis zwar mein Beruf und mein Leben ist, aber wenn ich nach Hause komme, bin ich keine Spielerin. Ich versuche, normal zu leben, wie andere Frauen in meinem Alter“, schildert Kerber, die Single ist. Ihren Traumprinzen habe sie noch nicht gefunden. „Ich mache mir da keinen Stress. Wenn man es nicht erwartet, kommt er, das ist so.“

So viele freie Tage „wie möglich“ will die frühere Nummer eins der Tennis-Welt mit ihrem Trainer Wim Fissette aushandeln, bevor sie wieder mit dem Training beginnt. Erst einmal freut sie sich auf einen Abend im Kreise ihrer Familie, ihre Oma ist für gutes Essen bekannt. „Ich lasse mich überraschen, vielleicht machen wir einfach ein bisschen Sommergrillen draußen auf der Terrasse“, sagt Kerber. Und im kommenden Jahr würde sie am liebsten den Sonntagabend am Ende zweier Wimbledon-Wochen erneut in der Londoner Guildhall verbringen – das ist sicher.

Angelique Kerber umarmt ihren Trainer Wim Fissette. Er ist ein wesentlicher Faktor für die Rückkehr der Kielerin an die Spitze.
Angelique Kerber umarmt ihren Trainer Wim Fissette. Er ist ein wesentlicher Faktor für die Rückkehr der Kielerin an die Spitze. FOTO: dpa / Steven Paston