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Unabhängigkeit für deutsche Athleten
Ein Pilotprojekt mit Sprengkraft

Athletensprecher Max Hartung (M) mit seiner Stellvertreterin Silke Kassner und Michael Vesper, der Vorsitzende des DOSB.
Athletensprecher Max Hartung (M) mit seiner Stellvertreterin Silke Kassner und Michael Vesper, der Vorsitzende des DOSB. FOTO: dpa / Henning Kaiser
Berlin. Der Verein Athleten Deutschland steht vor dem Durchbruch. Die unabhängige Organisation der Interessenvertretung scheint abgesegnet.

(sid) Die Politik in Berlin schaltet die Ampel auf Grün, die Einladung von IOC-Präsident Thomas Bach ist auch schon da: Der Verein Athleten Deutschland steht vor dem Durchbruch. Nach überraschenden Tagen in der deutschen Sportpolitik erhalten die Athleten wohl eine vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) vollkommen losgelöste Interessenvertretung – ein Pilotprojekt mit Sprengkraft, das weltweit Beachtung findet.

„Ein komplett unabhängiger Athleten Deutschland e.V. kann Großes leisten im Sinne der Athleten, und wir alle sind froh, wenn wir endlich loslegen können“, sagte Athletensprecher Max Hartung dem sid. Die Wende auf dem sportpolitischen Parkett registrierte er erfreut: „Es sieht gut aus für die Athleten. Wir freuen uns, dass wir die CDU/CSU wohl doch von unserem Vorhaben überzeugen konnten, und dass auch für den DOSB eine unabhängige Vertretung ein denkbares Szenario ist.“

Viel Rückenwind bekamen die Athleten gestern von höchster Stelle. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach den Sportlern aus der Seele, als er seine Vorstellung von den Verhältnissen im Leistungssport beschrieb. „Die Athletinnen und Athleten müssen im Mittelpunkt stehen. Ihr Wort und ihre Belange müssen Gehör finden und Gewicht haben. Alle anderen – Politik, Verbände und Sponsoren – haben letztlich nur eine dienende Funktion“, sagte Steinmeier bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an die deutschen Medaillengewinner von Pyeongchang.



IOC, DOSB und Co. als Diener der Athleten? Es ist eine Hauptaufgabe der neuen Athletenvertretung, diese Rollenverteilung immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Mit der Anschubfinanzierung in Höhe von 225 000 Euro aus Berlin wird ihr das wesentlich leichter fallen. „Wir können unsere eigenen Ansprüche an eine effektive Vertretung nicht erfüllen, uns fehlen Zeit und Ressourcen“, sagte Hartung, als Ende 2016 die Idee des Athleten Deutschland e.V. entstand. Drei hauptamtliche Mitarbeiter sollen dem Verein und auch der Athletenkommission, die im DOSB verankert bleibt, in Zukunft zuarbeiten. Als Vereinssitz ist Köln im Gespräch.

Hartung und seine Stellvertreterin, die Kanutin Silke Kassner, haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren Bemerkenswertes geleistet. Ihre Initiative ging dem einstimmigen Votum der Athletenvertreter der Einzelverbände für die Gründung des Vereins im Oktober 2017 voraus.

Nicht erst seitdem leisten sie Überzeugungsarbeit, was sich mitunter in der Politik, vor allem aber im DOSB schwierig gestaltete. Eine Art Gewerkschaft, finanziert von der Politik und völlig losgelöst vom Dachverband – diese Vorstellung bereitet dem DOSB erhebliche Kopfschmerzen.

Dass Präsident Alfons Hörmann nun seinen Widerstand offenbar aufgegeben hat und die Entscheidung über die Organisationsform in die Hände der Sportpolitiker - CDU/CSU signalisierten am Mittwochabend als letzte Fraktion ihre Zustimmung – und der Athleten selbst legte, hat wohl auch mit Druck zu tun.

Die Athleten verschafften sich zuletzt immer deutlicher Gehör. Vor drei Wochen meldete sich die erste Reihe der deutschen Sportstars in der FAZ mit zum Teil harscher Kritik zu Wort, unter anderem Felix Neureuther, Robert Harting und Fabian Hambüchen. Hartung sagte: „Der Deutsche Olympische Sportbund pokert und spielt auf Zeit, aber diese Bewegung ist nicht aufzuhalten.“

Hartung, Vorsitzender der DOSB-Athletenkommission und des Vereins, ist Dreh- und Angelpunkt des einzigartigen Modellversuchs. Internationale Medien haben den 28-Jährigen längst auf dem Schirm, zuletzt sorgte er mit seiner Forderung nach einer 25-prozentigen Beteiligung der Spitzensportler an den Milliardenerlösen des IOC für Aufsehen. Auch die Unabhängigkeitsbewegung der deutschen Athleten findet längst weltweit Beachtung. „Die Athleten in Deutschland und der Welt schauen gespannt zu“, sagt Fecht-Europameister Hartung.

Das IOC hat die Gefahr der nach Selbstbestimmung strebenden Athleten längst erkannt. Bach, selbst einst Athletenvertreter, lud die deutsche Abordnung für den 19. September nach Lausanne ein – zu einer „bilateralen Diskussion“.