| 23:48 Uhr

Leichtathletik-EM in Berlin
Ein neuer Stern am Sprinter-Himmel geht auf

Gina Lückenkemper genießt die Ehrenrunde im Berliner Olympiastadion nach ihrem EM-Silber über 100 Meter in vollen Zügen. Ist sie die Zukunft der deutschen Leichtathletik?
Gina Lückenkemper genießt die Ehrenrunde im Berliner Olympiastadion nach ihrem EM-Silber über 100 Meter in vollen Zügen. Ist sie die Zukunft der deutschen Leichtathletik? FOTO: dpa / Michael Kappeler
Berlin. Mit EM-Silber erobert Gina Lückenkemper die Herzen im Sturm. Das Energiebündel ist die Zukunft der deutschen Leichtathletik.

Am Morgen nach der emotionalen Achterbahnfahrt waren selbst dem Energiebündel Gina Lückenkemper die Strapazen einer kurzen Nacht anzumerken. „Gestern war ich mit meinen Gefühlen noch absolut überfordert, so langsam kommt nun alles durch“, sagte Deutschlands neuer Sprintstern über seinen Silbercoup bei der Europameisterschaft in Berlin, nach dem auch der Letzte begriffen haben dürfte: Die 21-Jährige könnte die Zukunft der deutschen Leichtathletik prägen.

Dem 10,98 Sekunden schnellen Sprint zu Platz zwei im 100-Meter-Finale hinter der Britin Dina Asher-Smith war ein stundenlanger Gratulations- und Medien-Marathon gefolgt, der gegen halb drei in der Früh mit einem Zwischenstopp im Hotelbett endete und sich wenig später im Morgenmagazin fortsetzte. Lückenkemper hatte aber auch eine Menge zu erzählen.

„Leute, ich muss Euch sagen, geiler geht es nicht. 50 000 Zuschauer meinen Namen rufen zu hören, das ist brutal geil“, verkündete die kleine Sprinterin mit dem erfrischend großen Mundwerk nach ihrem grandiosen Rennen den gut drei Dutzend wartenden Journalisten. Dabei unterhielt und bespaßte Lückenkemper die Medienmenge, so wie sie zuvor die Fans im Olympiastadion in ihren Bann gezogen hatte. „Wir Sprinter sind ja auch Entertainer – born for the big stage“, sagte sie grinsend.



No Gina, no Party – das haben sie auch im Deutschen Leichtathletik-Verband erkannt. In einer Zeit, in der die großen Heroen wie Robert Harting und Christina Schwanitz mehr oder minder in der Endphase ihrer Karriere stecken, kommt Lückenkemper als frisches Gesicht gerade recht. „Für die deutsche Leichtathletik ist sie ein Geschenk des Himmels“, sagte der langjährige DLV-Präsident Clemens Prokop dem Magazin „Spiegel“.

Und Lückenkemper füllt die ihr zugedachte Rolle perfekt aus. „Ich habe Spaß an meinem Job, Spaß daran, diese Freude nach außen zu tragen“, sagte sie während eines für sie typischen Redeschwalls. Lückenkemper spricht wie sie läuft – unaufhaltsam. Und da dabei meist sogar sehr schlaue Sätze entstehen und obendrein ihre Leistung passt, bleibt das Gesamtkonzept stimmig.

Zu bewältigen, was in und rund um Berlin auf sie einprasselt, ist für eine 21-Jährige keine kleine Leistung. Den Druck der Öffentlichkeit, der beim Heimspiel ungleich größer als bei ihrem EM-Bronzelauf über 200 Meter vor zwei Jahren in Am­sterdam war, verwandelte Lückenkemper in Motivation, das Finale verbrachte sie im mentalen Tunnel: „Ganz ehrlich – an das Rennen habe ich absolut keine Erinnerung mehr.“ Nur ihrer eigenen Stärke war sie sich stets bewusst: „Im Training habe ich mich zuletzt gefühlt wie Hulk.“

Um vor allem psychisch die Gemengelage nicht zur Belastung werden zu lassen, verfügt Lückenkemper über einen fähigen Erfüllungsgehilfen. „Ich habe einen vierbeinigen mentalen Trainer. Mein Pferd Picasso ist der beste Mentaltrainer, den man haben kann“, sagte sie: „Neben meinem Freund natürlich.“

Und weil die Leichtathletik-Welt derzeit rosarot ist, sieht sich Lückenkemper sogar befähigt, künftig die Rolle als Frontfrau zu übernehmen und sich zu den existenziellen Fragen ihrer Sportart zu äußern. Das also, was derzeit ein Robert Harting erledigt. „Ich bin ein ehrlicher Mensch, ich möchte ehrlich mit jeglichen Themen umgehen und nichts schönreden“, sagt Lückenkemper: „Das ist zwar eine große mentale Belastung. Aber wenn Robert mich ein wenig an die Hand nimmt, denke ich, dass ich das in Zukunft übernehmen kann.“