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Motorsport
Düstere Zukunft der Formel 1 in Deutschland

Die Formel 1 wird am Wochenende auf dem Hockenheimring ihre Runden drehen – vielleicht zum vorerst letzten Mal.
Die Formel 1 wird am Wochenende auf dem Hockenheimring ihre Runden drehen – vielleicht zum vorerst letzten Mal. FOTO: dpa / Jan Woitas
Hockenheim. Auf dem Hockenheimring wird diesen Sonntag zum 36. Mal ein Rennen in der Königsklasse ausgefahren. Es könnte der Abschied sein. Von Walter Koster

Es war einmal – und das ist kein Märchen –, da platzten die Tribünen auf dem Hockenheimring und dem Nürburgring aus allen Nähten. Ausverkauft. Zusätzliche Kapazitäten mussten geschaffen werden. Dem später siebenmaligen Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher sei Dank. In seiner Benetton- und Ferrari-Ära (1992 bis 2006) stürmten bis zu 150 000 Fans am Wochenende die beiden Traditions-Rennstrecken. Es waren goldene Zeiten für die Betreiber der Ringe in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Nach der „Schumania“ fiel die Königsklasse in ein Loch. An diesem Sonntag kann das Formel-1-Rennen (15.10 Uhr/RTL) in der Kurpfalz dem Veranstalter vielleicht letztmals einen kleinen Boom bescheren. Der Hype um Red-Bull-Starpilot Max Verstappen macht’s möglich. Zusatztribünen sollen aufgestellt werden. Das niederländische „Jahrhundert-Talent“ (O-Ton Niki Lauda) hat eine orangenfarbene Invasion in seinem Schlepptau. Bisher sind 67 000 Eintrittskarten für diesen elften Saison-Lauf verkauft. Davon gingen allein 10 000 in das Verstappen-verrückte Holland.

Mindestens 70 000 Tickets müssen aber im Umlauf sein, damit das Hockenheimring-Management eine „schwarze Null“ schreibt. Damit hätte sich die Zuschauerzahl gegenüber den drei vergangenen Rennen 2012 (Sieger Fernando Alonso/Ferrari, 59 000 Zuschauer) 2014 (Nico Rosberg/Mercedes, 52 000) und 2016 (Lewis Hamilton/Mercedes, 57 000) deutlich gesteigert. 70 000 Zuschauer strömten zuletzt 2006 bei Schumis letztem Ferrari-Sieg auf deutschem Boden ins Hockehneim-Motodrom.



Seit 2008 wechseln sich Hockenheim und der Nürburgring als Ausrichter des Großen Preises von Deutschland ab, das heißt: In den geraden Jahreszahlen ist der Formel-1-Tross in der Kurpfalz zu Gast, in den ungeraden Jahreszahlen in der „Grünen Hölle“, wie Altmeister Jackie Stewart einst den Nürburgring taufte. Doch das Rotationsprinzip geriet schon zwei Mal außer Kontrolle. 2015 fand erstmals seit 1960 kein Grand Prix auf einer deutschen Strecke statt. Die Nürburgring GmbH hatte wegen wirtschaftlicher Probleme Insolvenz angemeldet, fiel als Veranstalter aus. Und den Betreibern in Hockenheim war das finanzielle Risiko zu groß, für den Nürburgring einzuspringen. Das gleiche Szenario wiederholte sich 2017. Zwei Ausfälle trotz bestehender Verträge.

Nach einem Jahr Zwangspause kehrt der Formel-1-Zirkus turnusgemäß zurück nach Hockenheim. Doch wie geht es nach dem Fallen der Zielflagge weiter? Der Vertrag zwischen dem Hockenheimring und Formel-1-Eigner Liberty Media ist dann ausgelaufen. „Wir werden keinen Vertrag schließen, mit dem wir ein finanzielles Risiko eingehen“, stellte Hockenheimring-Geschäftsführer Georg Seiler klar. Auch der Veranstalter in der Eifel machte mehrfach deutlich, das finanzielle Risiko nicht allein zu stemmen.

Zwischen 20 und 22 Millionen Euro Antrittsgage berappen die Streckenbetreiber in Deutschland. Allein durch Ticketeinnahmen ist diese Summe nicht aufzubringen. Im Gegensatz zu anderen Ländern sind keine Zuschüsse von Land, Bund, Region oder Autobauern zu erwarten. Zum Vergleich: Abu Dhabi, Bahrain, Sotschi oder Melbourne zahlen fast das Doppelte der Deutschen als Antrittsgebühr. Verluste werden von staatlicher Hilfe und öffentlichen Kassen aufgefangen. „Ich bin sicher, wir sind die einzige Rennstrecke, die keine Subventionen erhält“, klagt Seiler.

Der Geschäftsführer will die Formel 1 in Hockenheim nur unter bestimmten Bedingungen halten. „Wirtschaftlich gesehen mussten wir durch die Formel 1, im Gegensatz zu früher, Verluste hinnehmen. Sollten sich die Rahmenbedingungen hier nicht ändern, wird die Zukunft der Formel 1 in Deutschland gefährdet sein“, fürchtet Seiler. Chase Carey, der Geschäftsführer von Liberty Media, macht den deutschen Ring-Betreibern Hoffnungen. „Ein deutscher Fahrer ist in einem deutschen Auto Weltmeister geworden, Deutschland ist ein sehr wichtiger Markt. Es ist sicherlich eines unserer Ziele, im deutschen Markt vertreten zu sein“, sagt der US-Amerikaner.

Carey betont fast gebetsmühlenartig, den europäischen Markt stärken zu wollen. So kehrte 2018 der Frankreich-GP nach neunjähriger Abstinenz zurück in den Kalender. Traditionsreiche Strecken sollen erhalten bleiben. Gleichzeitig aber will Liberty Media in den USA als wichtigstem Markt neben Austin einen zweiten Grand Prix ausrichten lassen. Miami hat für 2019 gute Aussichten auf einen WM-Lauf. Liberty-Boss Carey liebäugelt aber auch mit den schillernden Metropolen New York, Los Angeles oder Las Vegas, wo 1981 und 1982 schon zwei Grand Prix stattfanden.

Der Eigner beabsichtigt, die derzeit 21 Rennen auf bis zu 25 Grand Prix im Jahr auszuweiten. Zahlungsbereite Kandidaten stehen Schlange: Kopenhagen (Dänemark) und Hanoi (Vietnam) drängen für 2020 jeweils mit Stadtrennen in den Kalender, Buenos Aires (Argentinien) will im renovierten altehrwürdigen Autodromo Juan y Oscar Alfredo Galvez nach mehr als 20 Jahren ein Comeback feiern. Auch in den Niederlanden, der Heimat von Verstappen, laufen Bestrebungen, einen Grand Prix auszurichten. Gut möglich, dass bei so vielen Kandidaten Hockenheimring und Nürburgring auf der Strecke bleiben.

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formel1pm.jpg FOTO: SZ / OperatingSZ1, SZ