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Fußball-WM in Russland
Die Standardkönige aus England

Samara. Das 2:0 gegen Schweden lässt die Euphorie auf der Insel immer größer werden.

(dpa/sid) Nach dem ersten Einzug in ein WM-Halbfinale seit 28 Jahren ließen sich Englands neue Fußball-Helden von ihren Fans feiern. Zwar hatten nur rund 3500 Anhänger von der Insel den Weg nach Samara gefunden, doch die bejubelten das verdiente 2:0 (1:0) am Samstag im WM-Viertelfinale gegen Schweden umso lautstarker. „Wir genießen es mit unseren Fans zusammen, hier und zu Hause. Unser Land wird stolz auf uns sein“, sagte Kapitän Harry Kane.

Trainer Gareth Southgate herzte jeden Spieler einzeln – der englische Traum vom zweiten WM-Titel nach 1966 lebt mehr denn je. Vor 39 991 Zuschauern in Samara erzielten Abwehr-Riese Harry Maguire (31. Minute) und Dele Alli (59.) die Treffer. „Wir haben das Spiel kontrolliert“, analysierte Maguire treffend. Sein Tor war bereits das achte der Engländer nach einer Standardsituation im laufenden Turnier. Im Kampf um den Finaleinzug trifft England am Mittwoch in Moskau auf Kroatien (20 Uhr).

Auch die britischen Medien frohlockten. „Unsere Zeit ist gekommen. Alles deutet darauf hin, dass wir am 15. Juli den Pokal hochheben dürfen“, schrieb „The Sun“ am Sonntag. „Halbfinal-Götter“ titelte der „Sunday Mirror“. 1990 war ein Schritt vor dem Endspiel im Elfmeterschießen gegen den späteren Champion Deutschland Schluss. 2018 wollen die Engländer ihren Weg bis zum Schluss gehen. Die Medien in der Heimat sprechen bereits von der „Southgate-Revolution“, die ihre Krönung in einer Woche im Luschniki-Stadion mit dem Goldpokal erfahren soll. In der Heimat flippten Zehntausende vor den Fernsehern und Leinwänden auf den Plätzen und in den Pubs aus. Im schwedischen Möbelhaus Ikea hüpften Fans sogar auf den ausgestellten Betten herum, warfen mit Kissen umher und grölten „It‘s coming home“.



Schwedens Traum fiel im Viertelfinale in sich zusammen wie ein schlecht zusammengebautes Billy-Regal. Für den ganz großen Wurf reichte die Qualität von Emil Forsberg und Co. nicht. Kämpfen allein reicht halt nicht – auch nicht gegen keineswegs herausragende Engländer. Die Zeitung Aftonbladet urteilte schonungslos: „Schweden zeigte langsamen, schlechten und leblosen Fußball.“ Wohl auch, weil Emil Forsberg von RB Leipzig, der einzige Künstler unter all den Kriegern, keinen guten Tag erwischte.

Zwar blieb auch beim Gegner Kapitän Harry Kane blass, doch das kompensierten die Engländer im Kollektiv. „Es ist unsere große Geschlossenheit, die den Unterschied macht“, sagte Southgate. Dem Ex-Profi ist es nach vielen Jahren der Tristesse rund um das Nationalteam gelungen, eine Mannschaft zu formen, die spielerisch zwar nicht zu den besten gehört, die aber dennoch das Zeug zum ganz großen Coup hat. In einer Zeit, in der die Diskussionen um den Brexit das Land gespalten haben, ist das Nationalteam wieder wie früher der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.

Die Situation erinnert an den deutschen Fußball bei der Heim-WM 2006, als Bundestrainer Jürgen Klinsmann verkrustete Strukturen aufbrach, neue Ideen einbrachte und mit aufstrebenden Spielern und einem dynamischen Spielstil ganz Deutschland hinter sich vereinte. Southgate gelingt Ähnliches.