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Fußball-WM in Russland
Die jungen Löwen haben das Mutterland des Fußballs befreit

Moskau. Spieler wie Jesse Lingard sorgen bei England für eine lange vermisste Leichtigkeit auf und neben dem Fußballfeld. Das soll sie ins WM-Finale führen.

Frau Lingard hatte verstanden. Ihr Sohn hatte es ja auch laut und deutlich in die Soziale Netzwelt geschrien. „Nein Mutti, ich komme nicht nach Hause. Aber der Fußball . . .“ Also setzte sich Mrs. Lingard in den Flieger nach Samara und überraschte Jesse. Auf der Tribüne fielen sich Mutter und Sohn nach dem Viertelfinalsieg gegen Schweden in die Arme – und wenige Momente später waren Millionen Zuschauer bei Instagram und Twitter wieder hautnah mit dabei.

Jesse Lingard, 25, ist einer der hungrigen Junglöwen Englands, die am heutigen Mittwoch (20 Uhr/ZDF und Sky Deutschland) gegen Kroatien um das WM-Finale kämpfen. Als laufstarker Mittelfeldspieler leistet er auf dem Rasen wertvolle Dienste, ohne sich in den Mittelpunkt des Rudels zu drängen. Ganz anders verhält sich Lingard nach dem Abpfiff: Dann wird er zu „JLingz“, der Marke mit Millionen von Followern, ein Popstar, der weder sich selbst, noch den Fußball allzu ernst nimmt.

Lingard plappert gerne und viel. Und er tanzt. Ständig. „Ich verstehe nicht, wenn die Leute sagen: ‚Warum tanzt du immer?‘ Was meinst du damit? So bin ich einfach. Wer hat das Recht, mir zu sagen, dass ich nicht tanzen darf?“, fragte Lingard vor dem Abflug nach Russland. Die Antwort darauf lieferte Ex-Nationalspieler Rio Ferdinand: „Solange du nichts gewonnen hast, darfst du solche Dinge nicht tun“, sagte der TV-Experte. Ferdinand steht für eine verlorene Generation englischer Fußballer, die mit heiligem Ernst und zunehmender Verzweiflung einem Traum hinterherjagte. Alternde Löwen ohne Biss, die nicht mehr in der Lage waren, die großen Erwartungen des Fußball-Mutterlandes zu erfüllen und schließlich nicht mehr geliebt wurden. Lingard verkörpert die jungen Löwen, die mit erstaunlicher Leichtigkeit Fans und Medien auf der Insel auf ihre „Route ‚66“ (The Sun) mitnehmen.



„It‘s coming home“ – der Fußball kommt nach Hause, selbst wenn es nicht zum ersten großen Titel seit 52 Jahren reichen sollte. Die Löwen haben begriffen, auf welch historischer Mission sie sich befinden, welche Auswirkungen ihre Auftritte auf das durch den Brexit tief verunsicherte Land haben. „Die Chance, alle Menschen in England durch den Fußball zusammenzubringen, die Stimmung zu verändern, ist gewaltiger, als das, was wir mit unseren Ergebnissen bewirken“, sagte Trainer Gareth Southgate.

Es ist Southgates Verdienst, dass Spaßmacher wie Lingard oder Kyle Walker sich nicht nur im Internet, sondern auch auf dem Platz austoben. Southgate schottet seine Jungs nicht ab, lässt ihnen Freiheiten. Er weiß: „Die Spieler haben auch eine Stimme. Sie können junge Leute beeinflussen, vor allem aus den Gegenden, aus denen sie kommen. Sie geben ihnen Hoffnung.“ Sie sind glaubwürdig – und werden von ihrem Verband bestärkt. Schon die Bekanntgabe des Kaders setzte Maßstäbe, junge Fans riefen die Namen ihrer Idole, 105 Sekunden dauerte die Vorstellung, der Clip ging viral. Anders als beim DFB passt das Marketing zu den Protagonisten. Das garantiert natürlich keinen Titel, erhöht aber die Chancen – und lässt die Sympathiewerte in die Höhe schnellen.

Die Stimmung im Training ist zudem locker und positiv, gestern ließ Southgate seine Spieler sogar mit einem Gummihuhn trainieren, das Harry Kane und Co. sich gegenseitig unter großem Gelächter zuwarfen. Die kuriose Übung im englischen Trainingslager in Repino bei St. Petersburg diente zum Warmmachen und kam bei den Spielern sichtlich gut an. Schon zuvor hatte Lingard während der WM Fotos von einem anderen ungewöhnlichen Training gepostet, auf denen die englischen Spieler im Schwimmbad ein Wettrennen auf aufblasbaren Einhörnern veranstalteten.

Auf der gestrigen Abschluss-Pressekonferenz sagte Southgate, er sehe sein Team auch auf einer Mission, die über den Sport hinausgeht. „Unsere Fans haben lange gelitten mit Blick auf den Fußball“, meinte der Trainer. England steht zum ersten Mal seit 28 Jahren wieder im WM-Halbfinale, erstmals seit 1966 winkt das Finale. „Wir haben bereits einige Geschichten hier geschrieben“, sagte Southgate. „Wir versuchen weiter, diese Grenzen einzureißen. Es ist bislang eine aufregende Reise für uns.“ Für die Partie stehen ihm alle Spieler zur Verfügung.