| 21:39 Uhr

Fußball-Weltmeister Frankreich feiert
Die Grande Nation im Ausnahmezustand

Paris. Frankreich feiert seine Fußball-Weltmeister. Und die planen in der WM-Euphorie den Beginn einer neuen Ära.

Frankreichs Feierbiester ließen es bis tief in die Nacht krachen, gestern ging der Party-Marathon der Weltmeister dann in den Straßen der Hauptstadt Paris weiter – das ganze Land ist vereint im Titelrausch, und die Fußball-Welt fürchtet bereits eine lange Vorherrschaft der neuen Goldenen Generation. „Wille, Geschicklichkeit und eine sorgfältige Coaching-Schablone haben eine Mannschaft geschmiedet, deren schiere Jugendlichkeit den Rest der Welt erschrecken sollte“, schrieb der britische „Guardian“ am Tag nach dem furiosen WM-Finale.

26 Jahre und 90 Tage betrug das Durchschnittsalter der Startelf beim irren 4:2 gegen Kroatien am Sonntag in Moskau. „Es waren 14 Spieler mit dabei, die auf eine Abenteuerreise gegangen sind“, betonte Trainer Didier Deschamps, der nach dem verlorenen EM-Finale vor zwei Jahren sein Personal noch mal durchtauschte und die Schwächen von damals in Stärken von heute umwandelte. „Es war so, so schmerzvoll, vor zwei Jahren nicht den EM-Titel zu holen. Aber vielleicht wären wir jetzt nicht Weltmeister, hätten wir es damals geschafft.“

Was es bedeute, Weltmeister zu sein, wüssten seine Spieler noch gar nicht, betonte Deschamps, nachdem er noch während der Pressekonferenz die nächste Champagner-Dusche von seinen Spielern bekommen hatte. Singend und angeführt von Spaßvogel Paul Pogba hatten sie das Podium kurzerhand zur Tanzfläche gemacht und ihren 49 Jahre alten Coach gefeiert. Dessen fast schon väterlich-verständlicher Kommentar mit breitem Grinsen: „Sie sind jung und glücklich.“



Deschamps formte individuelle Ausnahmekönner zu einer verschworenen Truppe, kein Zoff, keine Skandale – „wir haben 55 Tage zusammen verbracht. Es hat nicht ein Problem gegeben“, betonte Deschamps. „Die Spieler haben ihren Vertrag erfüllt, und darüber hinaus hat Deschamps seinen Platz im Fußball-Pantheon gesichert“, schrieb die französische Zeitung „Libération“. Und Didier Deschamps ist noch lange nicht fertig.

„Ich mache nicht alles wie Jacquet“, sagte er. Aimé Jaquet hatte nach dem WM-Erfolg 1998, bei dem Deschamps als Kapitän den WM-Pokal als Erster halten durfte, nicht weitergemacht. „Es ist vorgesehen, dass ich bleibe, also bleibe ich“, betonte Deschamps.

Seit 2012 ist er da, bis zur EM in zwei Jahren gilt sein Vertrag. Er kann nun das einmalige Kunststück schaffen und nach dem Titeldouble binnen zwei Jahren mit dem WM-Triumph 1998 und dem EM-Erfolg 2000 als Spieler das Gleiche als Trainer zu wiederholen. Die Gefahr, so wie Deutschland nach dem WM-Triumph vor vier Jahren nun 2022 in Katar böse abzustürzen, scheint kaum zu existieren.

Spaniens „Marca“ rief bereits „La Belle Époque“ aus. „Die Gefahr ist, dass Les Bleus nur noch besser werden und dass sie schon jetzt das Team sind, das es bei der EM 2020 und zwei Jahre später in Katar zu schlagen gilt“, schrieb Englands Boulevardblatt „The Sun“.

Beispielhaft für diese Mannschaft und vor allem ihre Perspektive steht Kylian Mbappé. Er hat kamerunische und algerische Wurzeln. „Das ist Frankreich, wie wir es lieben. Es gibt verschiedene Herkünfte, aber wir sind vereint. So ist es auch in der Mannschaft. Wir spielen für dieses eine Trikot“, sagte Antoine Griezmann, vielleicht das Gesicht des Weltmeisters. Mit 27 Jahren liegt er zwar schon über dem Schnitt der Final-Elf, ist aber alles andere als alt.

Mbappé kann das Gesicht des Weltfußballs werden. „Es ist nur der Anfang von Kylian“, meinte das Sportblatt „L’Équipe.“ Mbappé sei in der Lage, euch 2022, 2026 oder 2030 einen dritten Stern nach Hause zu bringen, schrieb „Le Parisien“ über den Teenager, der den 77 Jahre alten Pélé drüber nachdenken lässt, noch mal die Fußballschuhe hervorzuholen. „Wenn Kylian weiter meine Rekorde einstellt, muss ich vielleicht meine Stiefel entstauben“, schrieb er bei Twitter. Mbappé ist mit seinem Treffer im Finale zweitjüngster Torschütze nach Pélé 1958. Zudem hatte er als zweitjüngster Spieler hinter dem dreimaligen Weltmeister einen Doppelpack erzielt im Achtelfinale gegen Argentinien.