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Schwimm-EM in Glasgow
Deutsche Asse wollen sich in Glasgow zeigen

Lagenspezialist Philip Heintz aus Heidelberg ist einer der großen Hoffnungsträger des Deutschen Schwimm-Verbandes bei der EM in Glasgow.
Lagenspezialist Philip Heintz aus Heidelberg ist einer der großen Hoffnungsträger des Deutschen Schwimm-Verbandes bei der EM in Glasgow. FOTO: dpa / Klaus-Dietmar Gabbert
Glasgow. Die European Championships bieten auch den Schwimmern die Gelegenheit, in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. dpa

EM-Lust nach WM-Frust: Die deutschen Schwimmer wollen ein Jahr nach den von sportlichen Enttäuschungen und Streitereien geprägten Weltmeisterschaften von Budapest nun in Glasgow auftrumpfen – bei den Europameisterschaften in einem neuen Format.

Lagenspezialist Philip Heintz und Schmetterlings-Schwimmerin Franziska Hentke, die 2017 mit Silber die einzige deutsche WM-Medaille holte, zählen zu den größten Hoffnungsträgern bei der Premiere der European Championships. Heintz sieht das neue Multisport-Event mit täglich stundenlanger TV-Präsenz zwei Jahre vor Olympia in Tokio als „Chance für uns Schwimmer, uns wieder in ein besseres Licht zu rücken“. Das ist auch bitter nötig.

Bei den Olympischen Spielen 2016 blieben die deutschen Beckenschwimmer wie vier Jahre zuvor in London ohne Medaille. Im vergangenen Jahr sorgten zwischenmenschliche Probleme und Kritik an Chef-Bundestrainer Henning Lambertz rund um die WM in Ungarn für Negativ-Schlagzeilen. „Wir reißen uns genauso den Arsch auf wie andere Nationen, die zuletzt erfolgreicher waren“, sagt Heintz:. „Das ist auch eine Chance zu zeigen, dass wir gar nicht so schlecht sind, wie wir dargestellt werden.“



Auch Lambertz gefällt die Idee, die Europameisterschaften der Schwimmer, Leichtathleten, Turner, Radsportler, Triathleten, Ruderer und Golfer zu bündeln. „Das hat was von Olympischen Spielen auf kleinerer, europäischer Ebene“, sagt er. Doch gerade bei der Ansammlung mehrerer Sportarten sind Erfolge Pflicht, um ein bisschen Glanz abzubekommen.

Unter anderem wegen des neuen Formats mit Wettkämpfen bis zum 12. August legt der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) einen Schwerpunkt auf die Staffeln. „Durch die vielen Staffel-Teilnahmen erhöhen wir die Chance, auch nachmittags in den Finals präsent zu sein, wenn das Fernsehen überträgt“, sagt Lambertz, dessen Sportler von heute an um EM-Ehren schwimmen: „Alle deutschen Staffeln haben im Moment das Potenzial, ins Finale vorzudringen.“ Somit auch heute Morgen das 4x100-Meter-Freistil-Quartett.

Mit Blick auf die Einzelrennen tragen nicht nur Heintz und Hentke dazu bei, dass Lambertz „sehr optimistisch“ nach Schottland fliegt: Der 20-jährige Florian Wellbrock hält in 14:40,69 Minuten die Weltjahresbestzeit über 1500 Meter Freistil. Sarah Köhler (24) liegt über die gleiche Distanz im europäischen Vergleich der Frauen auf Rang zwei. Die Rückenschwimmer Christian Diener (25) und Lisa Graf (25) haben ebenfalls Chancen auf Edelmetall. Bei den deutschen Meisterschaften ließ zudem Ramon Klenz aufhorchen. Der 19-Jährige knackte über 200 Meter Schmetterling in 1:55,76 Minuten den 32 Jahre alten deutschen Rekord von „Albatros“ Michael Groß. Eine Medaillenprognose gibt Lambertz nicht ab. Ziel sei, dass die Sportler ihre Qualifikations-Zeiten noch verbessern.

Das kann Brustschwimmer Marco Koch im Tollcross International Swimming Centre nicht. Der Weltmeister von 2015 scheiterte auf der 200-Meter-Strecke an der vom Verband geforderten EM-Norm und ist in Glasgow nicht dabei. Dem 28-Jährigen half auch der neue Modus nicht: Anders als noch 2017 mussten sich die Sportler nicht bei den nationalen Titelkämpfen qualifizieren, sondern hatten rund drei Monate Zeit, das Ticket für den Saisonhöhepunkt zu lösen.

Während Koch also Urlaub machen kann, wollen Wellbrock und Köhler sogar in zwei Disziplinen an den Start gehen. Freiwasser-
Bundestrainer Stefan Lurz plant sie als „Geheimwaffe“ für das Teamrennen über 4x1,25 Kilometer ein. Nach der Nullnummer bei der WM 2017 seien bei den Freiwasser-Wettkämpfen in Loch Lomond insgesamt „zwei bis drei Medaillen“ drin, sagt Lurz.

Bei den Wasserspringern ruhen die größten Hoffnungen einmal mehr auf Rekord-Europameister Patrick Hausding. Der 29-Jährige plagte sich in diesem Jahr lange mit Verletzungen herum, sei nun aber wieder belastbar, erklärt Bundestrainer Lutz Buschkow. Für den Trainer ist die EM „eine hochwertige Zwischenstation“ auf dem Weg nach Tokio. Das gilt auch für seine Kollegen in den anderen Disziplinen: Klein-Olympia wird andeuten, wo Schwimmer, Wasserspringer und Synchronschwimmerinnen, die ebenfalls dabei sind, zur Halbzeit der Vorbereitung auf 2020 stehen.

Henning Lambertz, Chef-Bundestrainer der deutschen Schwimmer.
Henning Lambertz, Chef-Bundestrainer der deutschen Schwimmer. FOTO: dpa / Klaus-Dietmar Gabbert