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Leistungssportreform in Deutschland
Curling und Shorttrack stehen im Abseits

Berlin. Die Evaluierung der sieben Wintersportverbände ist abgeschlossen, die Einteilung in drei Förder-Klassen sorgt für Diskussionen. sid

Frust und Unverständnis, aber auch Hoffnung auf Korrekturen: Die Einteilung des deutschen Wintersports in eine neue Drei-Klassen-Gesellschaft durch die sogenannte PotAS-Kommission sorgt für Wirbel. Verbände wie Curling und Shorttrack aus der neuen Unterschicht des Sports sorgen sich um ihre Zukunft und Existenz.

„Das ist schon enttäuschend“, sagte Präsident Bernhard Mayr vom Deutschen Curling-Verband (DCV). Die Curler erleben eisige Zeiten, alle Disziplinen (Frauen, Männer, Mixed) rangieren am Ende der Rangliste der 36 Disziplinen. Die eh schon dünne Förderung des kleinen Verbandes von rund 400 000 Euro pro Jahr dürfte noch einmal kräftig gestutzt werden. „Unsere Erfolge im Jugendbereich, etwa Platz fünf bei der letzten Junioren-WM, wurden nicht genug berücksichtigt“, kritisierte Mayr. Die Curler hoffen nun auf die Strukturgespräche, die in den nächsten drei Wochen stattfinden. Ende September soll eine Förderkommission die Finanzierung der Verbände endgültig festlegen.

„Klärungs- und Diskussionsbedarf“, sieht auch die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), deren olympische Sparte Shorttrack ebenfalls im „Armenhaus“ des Wintersports, der dritten Klasse, angekommen ist. Es müsse „eine Anpassung des Systems erfolgen“, forderte der Verband, dessen Sparte Eisschnelllauf trotz ebenfalls fehlender Erfolge im zweiten Cluster landete.



Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), machte den Sorgenkindern Mut. Von einer kompletten Streichung der Förderung wie in Großbritannien könne keine Rede sein. Für Curling und Shorttrack wolle man „eine Perspektive mit einer gezielten Aufbauförderung für die nächsten Jahre entwickeln“, sagte Schimmelpfennig. Voraussichtlich aber mit weniger Geld.

Der DOSB und das für den Spitzensport zuständige Bundesinnenministerium hatten gemeinsam die Spitzensportreform samt Potenzial-Analyse-System (PotAS) entwickelt, damit Deutschland bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften wieder mehr Medaillen gewinnt. Die derzeitige Förderung des Bundes mit rund 190 Millionen Euro soll effektiver eingesetzt, die Bedingungen für Trainer und Athleten verbessert werden.

Überraschend landete Publikumsliebling Biathlon nur in der zweiten Klasse. Bei der Evaluierung war die Medienpräsenz kein eigenes Kriterium, hier ging es um Aspekte wie Erfolge, Potenziale und Strukturen. 151 Fragen mussten die Verbände dazu der PotAS-Kommission unter der Leitung des Potsdamer Sportwissenschaftlers Urs Granacher beantworten. Für den Deutschen Skiverband (DSV) liegt das schlechte Abschneiden der Biathleten daran, dass Sportarten mit vergleichsweise vielen Einzelentscheidungen gegenüber anderen Disziplinen Nachteile hätten. Es sei schwieriger, die Ziele zu erreichen, „wenn die maximal möglichen Medaillenchancen als wichtiges Bewertungskriterium herangezogen werden“, teilte der Verband mit.

Ganz oben landeten erwartungsgemäß die Medaillenhamster aus den Disziplinen Rennrodeln (Frauen/Männer) und Bob (Männer). „Natürlich muss das System weiterentwickelt werden, aber für den Start war es schon ganz okay“, sagte Vorstands-Vorsitzender Thomas Schwab vom Bob- und Schlittenverband für Deutschland über PotAS. Überraschend fand sich auch das deutsche Männer-Eishockey in der ersten Klasse wieder.