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NBA Playoffs
„C–Us–Rise“ — Boston Celtics mischen NBA auf

Boston. Im ersten Spiel der Finalserie des Ostens demontieren die Boston Celtics den Favoriten Cleveland mit 108:83.

C–Us–Rise – wird im englischen wie „See us rise“ ausgesprochen – und bedeutet in etwa: Seht, wie wir emporsteigen! So lautet das Saisonmotto der nordamerikanischen Basketballer von den Boston Celtics. Was sich anhört, als sei die Marketingabteilung des NBA-Clubs nach einigen alkoholischen Kaltgetränken einer Mischung aus Pathos und Größenwahn verfallen, war am Sonntagabend auf zahlreichen Shirts der Zuschauer im Bostoner TD-Garden zu lesen. Und die 18 624 Fans der „Cs“, wie die Mannschaft kurz genannt wird, sahen tatsächlich, wie ihre Kelten emporstiegen und die Cleveland Cavaliers um Superstar LeBron James mit 108:83 aus der Halle fegten. Boston geht damit in der Finalserie (Best of 7) der Eastern-Conference mit 1:0 in Führung.

Eine Vorentscheidung ist das noch lange nicht. Gerade die Höhe des Sieges war aber eine faustdicke Überraschung. Zwar schlossen die Celtics die reguläre Saison im Osten auf Platz zwei hinter den Toronto Raptors ab. Doch die Mannschaft aus dem Bundesstaat Massachussets wurde vor dem Start der Playoffs von einer schlimmen Verletzungsserie gebeutelt. Schon seit Oktober muss Boston auf All-Star Gordon Hayword (Oberschenkelfraktur) verzichten. Im April fiel auch der zweite Celtics-Star, Kyrie Irving, nach einer Knieoperation für die Playoffs aus. Weil sich im Februar mit Defensivspezialist Marcus Smart (Daumen-OP) bereits ein weiterer Guard verletzt hatte, sahen sich die Celtics gezwungen, aus purer Verzweiflung Jonathan Gibson nachzuverpflichten. Auch der deutsche Nationalspieler Daniel Theis befindet sich im Krankenstand. Der 26-Jährige Center aus Salzgitter zog sich im März einen Meniskusriss zu.

Vorjahresfinalist Cleveland ging daher als Favorit in die Serie – und erlebte in Boston ein Debakel. Die Celtics legten im ersten Viertel einen 17:0-Lauf hin und deckten die Schwächen in der Defensive der Cavaliers gnadenlos auf. Als Bostons Routinier Al Horford zu Beginn des zweiten Viertels einen Korbleger von Clevelands Jordan Clarkson kompromisslos in die erste Reihe des TD-Gardens blockte, waren die Celtics-Fans aus dem Häuschen. Zur Pause führte Boston bereits mit 61:35. Es war die zweithöchste Halbzeitführung der Clubgeschichte. Lediglich beim sogenannten „Memorial Day Massacre“ 1985 gegen die LA Lakers hatte Boston zur Pause noch höher vorne gelegen (79:49).



Für die verletzten Stars sprangen gegen Cleveland hoch veranlagte Talente in die Bresche. Jayson Tatum (20 Jahre), der seine erste NBA-Saison spielt, warf 20 Punkte. Jaylen Brown (21) kam auf 23 Zähler, Terry Rozier (23) steuerte acht Punkte und acht Vorlagen bei. Cavaliers-Star LeBron James, der in den Playoffs bis dahin einen überragenden Schnitt von 34 Punkten pro Spiel hingelegt hatte, musste sich mit für seine Verhältnisse mageren 15 Zählern begnügen.

Auch wenn das Clublogo der Celtics einen Basketball kreisenden Iren mit Kleeblättern abbildet: Mit Glück hat der Erfolg der Bostoner nichts zu tun – er ist das Ergebnis akribischer, langfristiger Planung. Im Jahr 2008 gewann Boston zum letzten Mal die Larry O‘ Brien-Trophäe für den Sieger der NBA-Finalserie. 2013 war die Mannschaft zwar immer noch gut – aber nicht mehr stark genug, um um den Titel mitzuspielen. Die Celtics klammerten sich nicht an die alten Erfolge, sondern gaben ihre besten Spieler ab. Als letztes Mitglied der Meistermannschaft wechselte Rajon Rondo 2014 zu Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks. Als Gegenleistung bekamen die Celtics sogenannte „picks“. Das bedeutet, dass Boston beim jährlichen Draft – der Verteilung der größten Talente auf die verschiedenen Mannschaften – als einer der ersten Clubs wählen durfte. So sicherten sich die Celtics 2015 die Dienste von Rozier, 2016 die von Brown und 2017 die von Tatum. Auch für die kommenden Jahren hat sich der Club unfangreiche Draftrechte gesichert.

Daneben erwies sich die Verpflichtung von Trainer Brad Stevens 2013 als Glücksgriff. Der 41-Jährige, der zuvor nur auf College-Ebene gearbeitet hatte, steht in dem Ruf, aus jedem Spieler das Optimale herauskitzeln zu können. Zudem wird Stevens von den Celtic-Fans als Taktikgenie verehrt, das selbst in aussichtslosen Situationen Lösungen findet. „Ich kann manchmal selbst nicht glauben, dass seine Spielzüge funktionieren – bis sie es tun“, lobte Center Horford den Coach.

Heute Nacht (2.30 Uhr MEZ) sind die Celtics im zweiten Spiel gegen Cleveland um die Meisterschaft im Osten erneut zu Hause gefordert. Eine Finalserie um den NBA-Titel gegen den Sieger aus dem Westen (Houston Rockets oder Golden State Warriors) würde ab dem 31. Mai stattfinden. Doch bis dahin ist es für Boston noch ein weiter Weg. Bei den Buchmachern sind die Cavaliers weiter Favorit auf den Finaleinzug. Vielleicht ändert sich das, wenn die Kelten heute wieder emporsteigen.