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Nations-League-Spiel gegen Frankreich
Löws Endspiel im Stade de France

Eine Krise wie diese hat Joachim Löw in seinen zwölf Jahren als Bundestrainer noch nicht erlebt. Kann der 58-Jährige seiner Mannschaft überhaupt noch einmal neue Impulse geben?
Eine Krise wie diese hat Joachim Löw in seinen zwölf Jahren als Bundestrainer noch nicht erlebt. Kann der 58-Jährige seiner Mannschaft überhaupt noch einmal neue Impulse geben? FOTO: dpa / Peter Dejong
Paris. Joachim Löw kommt nicht aus der Krise. Und Fußball-Deutschland diskutiert, ob er die Wende noch hinbekommt. dpa

Was nun, Herr Löw? Im 169. Spiel als Cheftrainer der deutschen Fußball-Nationalmanschaft muss Joachim Löw Antworten präsentieren – und das gegen das aktuell beste Team der Welt. Der Rekord-Bundestrainer muss gegen Frankreichs Weltmeister den Absturz stoppen. „Wir sind uns unserer Lage bewusst“, sagt Kapitän Manuel Neuer vor dem Nations-League-Spiel am heutigen Dienstag (20.45 Uhr/ARD) im Stade de France. Es ist eine Partie mit Endspiel-Charakter für Deutschland und vielleicht auch für den sehr verdienstvollen Löw, auch wenn Verbandsboss Reinhard Grindel dem Bundestrainer erst einmal das Zeitfenster bis in den November hinein geöffnet hat.

Die Diskussionen laufen auf Hochtouren, ob Löw nach 14 DFB-Jahren noch der richtige Mann ist, um nach der WM-Blamage in Russland einen neuen Kurs einzuschlagen. Das 0:3 in den Niederlanden hat schwerwiegende Zweifel gestreut. Und das könnte nur ein Überraschungs-Erfolg in Paris verändern. „In erster Linie muss die Leistung stimmen“, sagt Abwehrspieler Mats Hummels, der im Nachsatz betont: „Aber diesmal muss auch das Ergebnis passen.“ Das Kuriose ist: Ein Auswärtssieg in Paris würde Deutschland sogar wieder ins Rennen um Platz eins in der Nations-League-Gruppe bringen. „Jeder, der rechnen kann, weiß, was noch drin ist“, sagt Rechtsverteidiger Joshua Kimmich.

Eine Niederlage gegen den Weltmeister würde Löw in eine Sackgasse führen, weil dann der Abstieg nicht mehr allein aus eigener Kraft abgewendet werden kann. Die aufgekommene Trainerdiskussion schieben die Spieler zur Seite. „Es wird ja alles diskutiert. Ich mache da kein Thema draus“, sagt etwa Kapitän Neuer: „Wir versuchen, geschlossen aufzutreten und zusammen auch aus dieser negativen Phase rauszukommen.“



Für Löw und sein Personal ist es schwierig, sich von den negativen Begleiterscheinungen freizumachen. In zwölf Jahren als Chef hat der 58-Jährige keine vergleichbar lange Krise erlebt. „Wir müssen hier möglichst einen Punkt machen und dann zuhause gegen die Niederlande gewinnen. Dann haben wir noch irgendwie eine Chance“, sagt der Bundestrainer zu den Aussichten in der Nations League.

Mit dem Prinzip Hoffnung arbeiten Löw, seine Spieler und sein Helferstab allerdings schon seit dem Ende der WM-Qualifikation vor einem Jahr. Die Realität sieht aber düster aus: Bei der WM versetzte Südkorea dem viermaligen Weltmeister den historischen Vorrunden-K.o. mit Schockwirkung. Und in der neuen Nations League droht dem torlosen Tabellenletzten der Abstieg in die europäische Zweitklassigkeit. Spätestens jetzt dürften sich DFB-Präsident Grindel und Manager Oliver Bierhoff mit einem Plan B ohne Löw beschäftigen, den sie nach der missglückten WM noch im Eiltempo verworfen hatten.

„Ich glaube nach wie vor, dass er ein sensationeller Trainer ist“, sagt Offensivspieler Julian Draxler: „Inwiefern da jetzt die Entscheidungsträger beim DFB aktiv werden oder nicht, habe ich keine Ahnung.“ Grindel hatte nach der Holland-Pleite darauf verwiesen, dass jetzt die Konzentration dem sportlichen Abschluss der Nations League gelte.

Löw versucht, in den Stunden bis zum Anpfiff im Stade de France so viel Normalität wie möglich herzustellen und negative Gedanken zu verbannen. Aber auch der Spielort ist belastet. Beim letzten Duell im französischen Nationalstadion vor drei Jahren hatten viele der aktuellen Spieler beim 2:0 der Équipe tricolore die Terroranschläge miterlebt. Außerhalb des Stadions explodierten zwei Bomben, beide Mannschaften übernachteten in den Katakomben der Arena.