| 00:38 Uhr

Fußball-Bundesliga
"Auf dem Friedhof der Erinnerung"

Frankfurt/Main. Schon vor dem Saisonstart schlägt die Debatte über die schwindende Qualität der Fußball-Bundesliga hohe Wellen.

Der Ball rollt zwar erst in einer Woche, doch die Diskussion um den angeblichen Niedergang der Fußball-Bundesliga ist bereits in vollem Gange. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des WM-Debakels der Nationalmannschaft wird die Klasse der Liga von allen Seiten infrage gestellt. Die Debatte dreht sich um die internationale Wettbewerbsfähigkeit, die Finanzstärke der Konkurrenz und die 50+1-Regel.

So prophezeit Ralf Rangnick eine düstere Zukunft, falls sich an den Rahmenbedingungen nichts ändert: „Was wollen wir? Weiter unsere Tradition pflegen? Dann werden wir als Liga irgendwann dort landen, wo einige Traditionsklubs schon gelandet sind: auf dem Friedhof der Erinnerung“, sagte der Trainer von RB Leipzig der Süddeutschen Zeitung.

Für Rangnick ist 50+1 die Ursache des Übels. Der 60-Jährige plädiert deshalb für die Abschaffung der Investorensperre. „Wir wollen doch als Land und als Liga grundsätzlich wettbewerbsfähig bleiben“, äußerte Rangnick: „Und womöglich würde das auch dazu führen, dass einzelne Vereine die Lücke zu den Bayern verkleinern könnten.“



50+1 besagt, dass Investoren nur die Mehrheit an einem Verein halten dürfen, wenn sie diesen mehr als 20 Jahre „ununterbrochen“ und „erheblich“ gefördert haben. In den anderen europäischen Top-Ligen gilt diese Regel nicht.

Für Rangnick ist klar, dass die Bundesliga deshalb finanziell hinterherhinkt. „Wer mitmachen will im Konzert der Großen, darf nicht Lichtjahre von den Spielregeln des internationalen Marktes entfernt sein und nur seinen alten Werten treu bleiben“, sagte der Coach: „Denn dann darfst du dich nicht darüber beklagen, wenn die Stars gehen.“

Nach Ansicht von Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg hat die Liga schon jetzt kaum noch Klasse. „Die Qualität wird immer schlechter“, schrieb der 50-Jährige bei t-online.de: „Die Bundesliga ist aktuell nicht attraktiv für Topspieler. Und deshalb bin ich mir auch sicher, dass der Rückstand der Bundesliga zur Premier League und zu den anderen Topligen erheblich größer wird.“

Sportdirektor Bruno Hübner von DFB-Pokalsieger Eintracht Frankfurt ist ähnlicher Meinung. „Wir müssen aufpassen, da die Gefahr besteht, dass die ganzen Stars aus der Bundesliga weggeholt werden“, sagte Hübner bei „100 Prozent Bundesliga – Fußball bei NITRO. Hübner sieht vor allem Spitzenklubs in der Pflicht: „Da sind in erster Linie die starken Vereine gefordert, dass auch wieder investiert wird. Wir müssen gucken, dass die Qualität in der Bundesliga erhalten bleibt.“

Die Argumentation Hübners steht allerdings auf wackeligen Füßen. Schließlich würde sich die sportliche Schere in der Bundesliga durch noch höhere Ausgaben der Spitzenklubs weiter öffnen. Genau das beklagen Vereine wie die Eintracht, die deshalb einen anderen Verteilungsschlüssel der TV-Gelder fordern.

Mit Blick auf die Finanzen wandelt die Liga also auf einem schmalen Grat. Der Ruf nach immer mehr Geld rief zuletzt große Kritik am zunehmenden Kommerz hervor. Auf der anderen Seite argumentieren gerade die Topklubs, dass sie noch finanzstärker werden müssten, um international mithalten zu können.

Julian Nagelsmann versucht sich deshalb an einer differenzierten Herangehensweise. „Ein 25-Jähriger, der bei Manchester United gespielt hat, lacht über die Angebote von Bayern München, weil er das Münchner Jahresgehalt in England in einem halben Jahr verdient“, sagte der Trainer der TSG Hoffenheim.

Der 31-Jährige fordert deshalb aber nicht mehr Geld für den Profibereich, sondern eine Rückbesinnung. „Wir müssen den Weg, den die Bundesliga mit den Nachwuchsleistungszentren einst beschritten hat, wiederfinden“, äußerte Nagelsmann: „Das ist das Finanzierungsmodell, das die Bundesliga hat.“

Auf die baldige Abschaffung der 50+1-Regel, deren Einhaltung unter anderem von den Fan-Organisationen vehement gefordert wird, dürfen die Kritiker des Systems ohnehin nicht hoffen. Derzeit beschäftigt sich das Kartellamt mit der Regelung. Die Klage von Klubchef Martin Kind von Hannover 96 liegt beim Ständigen Schiedsgericht, ordentliche Gerichte müssen sich auch darum kümmern – das Prozedere wird dauern.

Die Interessen aller Beteiligten im Profifußball unter einen Hut zu bekommen, wird zunehmend schwieriger. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) um ihren Boss Christian Seifert ist um ihre Aufgabe in diesem Spannungsfeld nicht zu beneiden. Und dass die Liga selbst über ihren eigenen Niedergang diskutiert, macht das Ganze sicher nicht leichter...