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Simon Ammann vor seiner Vollendung

Garmisch. Simon Ammann hat vier Mal Olympia-Gold gewonnen, aber nie die Vierschanzentournee. Nach seinem Sieg in Oberstdorf ist der Schweizer plötzlich Favorit Nummer eins – nicht nur beim Neujahrsspringen in Garmisch. Von sid-MitarbeiterThomas Wolfer

Wenige Stunden nach dem Triumph von Oberstdorf wollte Simon Ammann schon zum nächsten Höhenflug ansetzen. "Am liebsten würde ich jetzt nach Garmisch fliegen. Aber wir fahren dann doch mit dem Auto", sagte der Schweizer, der seit einem Jahr Propellermaschinen steuern darf. Am Ende musste sich der Schweizer aber mit Wunsch Nummer zwei begnügen - einem guten Essen.

Ein Festmahl verdient hatte sich Ammann allemal. Mit seinem ersten Weltcupsieg seit Januar 2011 erfüllte sich der 32-Jährige nicht nur einen lang gehegten Traum, sondern plötzlich darf er sogar vom Gesamtsieg der Vierschanzentournee träumen. "Dass ich noch einmal die Möglichkeit habe, hier mitzumischen, ist fantastisch", sagte der Eidgenosse.

Vier Mal hat Ammann Olympiagold gewonnen, die Tournee noch nie. "Der Unvollendete" wurde er deswegen schon genannt, er selbst hört das gar nicht gerne. "Für ihn würde keine Welt zusammenbrechen, wenn er die Tournee niemals gewinnen sollte. Aber klar wäre es schön", sagt der Schweizer Skisprung-Nationaltrainer Martin Künzle, der mit 33 Jahren kaum älter ist als Ammann.

In der Heimat ist seit Ammanns Coup das Skisprung-Fieber ausgebrochen. Die Zeitung Blick schielte bereits in Richtung Sotschi: "40 Tage vor Olympia zeigt der Meister des Timings im Skispringen, dass er es noch immer kann." In der Tat scheint Ammann immer dann in Schwung zu kommen, wenn Olympische Spiele vor der Tür stehen.

Bei den Spielen 2002 in Salt Lake City war Ammann wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte die gesamte Szene mit seinen beiden Olympiasiegen düpiert. Weil das wie Zauberei anmutete und weil er mit seinen Brillengläsern der berühmten Filmfigur verblüffend ähnlich sah, bekam er damals den Namen "Harry Potter" verpasst.

Experten wiesen gerne auf die vermeintlichen Vorteile des Leichtgewichts in der Höhenlage von Salt Lake hin, doch der damals so unbedarfte Zauberlehrling bewies in den folgenden Jahren seine grandiosen Fähigkeiten auf jedem Terrain. 2010 in Vancouver krönte er seine Karriere mit den Olympiasiegen Nummer drei und vier, seit Sonntag steht er bei 21 Weltcup-Siegen.

Und nun also die Tournee? "Jetzt ist es möglich. Aber es wird eine lange Reise", sagte Ammann, der schon 2008 in Oberstdorf gewann und am Ende "nur" Zweiter der Gesamtwertung wurde. Auch Werner Schuster, Ammanns Ex-Trainer in der Schweiz und heute Bundestrainer, glaubt an eine "Riesenherausforderung. Er wird harte Konkurrenz bekommen."

Dennoch gratulierte er dem allseits beliebten Ammann, und nicht von ungefähr gehörten Gregor Schlierenzauer und Anders Bardal schon im Auslauf der Schattenbergschanze zu den ersten Schulterklopfern. Anschließend beging Ammann seinen einzigen Fehler des Tages - er gab über das Stadionmikrofon ein Interview. "Da konnte ich noch ich gar nicht sprechen, das hätte ich besser sein gelassen", sagte Ammann. Er wird es verschmerzen. Skisprung-Bundestrainer Werner Schuster glaubt nach dem schwachen Auftakt in Oberstdorf nicht mehr an einen deutschen Gesamtsieg bei der 62. Vierschanzentournee. "Man muss ganz ehrlich sagen, dass es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass Severin Freund noch neun Springer überholt und die Tournee gewinnt", sagte Schuster am Montag. Doch auch der Sprung auf das Podest wäre noch als Erfolg zu werten: "Das wäre ein Zeichen der Weiterentwicklung."

Freund hatte am Sonntagabend den zehnten Rang belegt, beim Triumph des Schweizers Simon Ammann allerdings keine Chance auf den ersten deutschen Tournee-Tagessieg seit elf Jahren gehabt. Dadurch rückt auch der erste deutsche Gesamtsieg seit Sven Hannawald im Jahr 2002 in weite Ferne. "Ich bin nicht glücklich mit diesem Auftakt. Das ist ernüchternd und nicht befriedigend", sagte Schuster. Marinus Kraus aus Oberaudorf war als bester DSV-Adler auf Rang acht gelandet.

Am Montag reiste die Mannschaft zur zweiten Station nach Garmisch-Partenkirchen weiter. Im Rahmen des Neujahrsspringens an diesem Mittwoch (14 Uhr/ZDF) wird wohl Martin Schmitt seinen letzten Tournee-Auftritt haben. "Damit er weiterfährt, müsste schon deutlich mehr kommen", sagte Schuster. Der viermalige Weltmeister hatte zum Auftakt als 36. den zweiten Durchgang verpasst. Den formschwachen Maximilian Mechler ersetzt Schuster durch den 17-jährigen Sebastian Bradatsch aus Ruhla. Er wird sein Debüt im deutschen Weltcup-Team feiern.