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Russland will Einspruch einlegen
Russlands Sperre wird zur Hängepartie

 Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada, hier ein Schild mit ihrem Logo in Moskau, ist für vier Jahre gesperrt.
Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada, hier ein Schild mit ihrem Logo in Moskau, ist für vier Jahre gesperrt. FOTO: dpa / Alexander Zemlianichenko
Köln. Präsident Wladimir Putin kündigt Einspruch gegen die Doping-Sanktionen an. Es droht ein monatelanges Tauziehen. sid

Schnelle Klarheit oder monatelange Hängepartie? Nach der beispiellosen Dopingstrafe für Russland wartet die Sportwelt gebannt auf die Antwort der Sport-Großmacht. Doch spätestens seit den unmissverständlichen Äußerungen von Staatspräsident Wladimir Putin ist wohl klar: Die Vierjahressperre mit Auswirkungen auf die Olympischen Spiele 2020 und 2022 sowie die Fußball-WM wird Russland nicht auf sich sitzen lassen. Der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS und ein langer Rechtsstreit scheinen unausweichlich – ein Ende der Russland-Affäre ist auch nach dem Urteil von Montag wohl nicht in Sicht.

Russland habe „alle Gründe, Einspruch einzulegen“, betonte Putin am Rande des Ukraine-Gipfels in Paris. 21 Tage hat das Riesenreich Zeit, um gegen die wegen manipulierter Dopingdaten ausgesprochenen Sanktionen vorzugehen. In diesem Fall drohen weitere Wochen und Monate voller Ungewissheit. Laut des Chefs der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, Juri Ganus, soll eine Entscheidung am 19. Dezember fallen.

„Es ist sicher für die Öffentlichkeit und vor allem für die betroffenen Athleten der denkbar schlechteste Weg, es auf langwierige, komplexe und undurchsichtige juristische Verfahren ankommen zu lassen“, sagte Nada-Vorstand Lars Mort­siefer. Doch auch er rechnet mit einem Nachspiel: „Ein Schlussstrich wird weder juristisch noch politisch schnell möglich sein.“ Denn selbst wenn die Rusada nicht vor den CAS zieht, haben weitere beteiligte Parteien wie beispielsweise internationale Verbände die Möglichkeit dazu. Und wie stehen die russischen Chancen vor dem CAS? Ganus rechnet jedenfalls nicht mit einem Erfolg. „Es gibt keine Möglichkeit, diesen Fall vor Gericht zu gewinnen“, sagte er.



Der renommierte Sportrechtler Michael Lehner würde Russlands Gang vor den CAS begrüßen, alleine schon um Rechtssicherheit herzustellen. „Die kriegen wir im Schiedsgerichtssystem der internationalen Sportgerichtsbarkeit nur über den CAS“, sagte Lehner. Den Wada-Entscheid sieht er jedenfalls kritisch. „Ob das in der Abwägung zwischen Individualschuld und Globalschuld wirklich gerecht und angemessen ist, wage ich zu bezweifeln“, sagte der Jurist.

Bei einem Einspruch rechnet auch Lehner mit einem langwierigen Verfahren, das sich durchaus bis Olympia 2020 in Tokio ziehen könne. „Ein halbes Jahr beim CAS ist gar nichts“, sagte er.

Das Problem: Bis zu einer finalen Entscheidung treten keine Sanktionen in Kraft, jeder Einspruch hätte aufschiebende Wirkung. Bereits am Montag stellte die Wada klar, die Strafen gelten wegen der kurzen Vorlaufzeit nicht für die im Januar stattfindenden Olympischen Jugendspiele in Lausanne. Die laufende Handball-WM der Frauen ist ebenso wenig betroffen – dort qualifizierte sich das russische Team am Dienstag für das Halbfinale. Die erste betroffene Weltmeisterschaft wäre die Rodel-WM auf der Olympiabahn von Sotschi Mitte Februar.

Bereits vergebene Events müssen Russland allerdings nur weggenommen werden, „wenn es juristisch und praktisch“ möglich sei. Das scheint bei einer in zwei Monaten stattfindenden WM unwahrscheinlich. Viele Verträge sind schon unterschrieben. Ohnehin scheinen viele Aspekte der Umsetzung noch schwammig und könnten von Sportart zu Sportart durchaus unterschiedlich ausfallen.

Ausgeschlossen scheint dagegen zumindest ein Olympia-Boykott von russischer Seite. Trotz der Mischung aus Enttäuschung, Resignation und Wut. „Natürlich“ müsse Russland gegen die Entscheidung der Wada vor dem CAS kämpfen“, sagte Wassili Titow, Präsident des Turnverbandes, aber unabhängig vom Ergebnis „müssen wir zu den Olympischen Spielen fahren und daran teilnehmen“. Ein Boykott sei „in keiner Weise“ eine Option.

 Craig Reedie (Mitte), der Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur, stellt sich den Fragen der versammelten Weltpresse.
Craig Reedie (Mitte), der Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur, stellt sich den Fragen der versammelten Weltpresse. FOTO: AP / Laurent Gillieron