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Handball-EM
Prokop denkt um und holt Lemke

Verstärkung für die deutschen Handballer: Bundestrainer Christian Prokop hat für die weiteren EM-Spiele Finn Lemke (Foto), Abwehrchef von der MT Melsungen, nachnominiert.
Verstärkung für die deutschen Handballer: Bundestrainer Christian Prokop hat für die weiteren EM-Spiele Finn Lemke (Foto), Abwehrchef von der MT Melsungen, nachnominiert. FOTO: Friso Gentsch / dpa
Zagreb. Nach dem glücklichen Remis gegen Slowenien feierten die deutschen Handballer Tobias Reichmann. Im Spiel um den Gruppensieg heute Abend gegen Mazedonien wird der nachnominierte Abwehrchef Finn Lemke erstmals dabei sein.

Der wahnwitzige Handball-Krimi mit Videobeweis, die Rolle rückwärts des Bundestrainers bei Finn Lemke, Sloweniens abgeschmetterter Protest – Tobias Reichmann brauchte nach turbulenten Stunden erst mal seine Ruhe. Der Held der letzten Spiel-Sekunde der deutschen Handballer zog sich am Dienstagmittag auf sein Zimmer im Teamhotel zurück und lud bei Schlagermusik von Mickie Krause die Akkus für das Finale um den Gruppensieg gegen Mazedonien auf.

„Alle Spiele, die jetzt kommen werden, sind Endspiele“, sagte Reichmann. Mit seinem eiskalt verwandelten Siebenmeter in der letzten Aktion des Spiels gegen Slowenien hatte der Rechtsaußen dem deutschen Team das glückliche Remis und damit die Chance auf den Gruppensieg gerettet.

Auch Bundestrainer Christian Prokop hob die herausragende Bedeutung hervor: „Wir kennen die Konstellation, das ist ein ganz wichtiges Spiel. Wir müssen von Beginn an mit Einsatz und Kämpferherz da sein.“ Im Falle einer Niederlage wäre das Halbfinale nur noch schwer zu erreichen.



Am spielfreien Dienstag stand im deutschen Lager aber die Verarbeitung des rund 16-stündigen Handball-Wahnsinns auf dem Programm. Gesprächsthema Nummer eins war neben Reichmann und dem schier unglaublichen Finale mit Happy-End nach Videobeweis aber vor allem Lemkes Nachnominierung. Schon an diesem Mittwoch (18.15 Uhr/ARD) wird der zunächst aussortierte Abwehrchef gegen Mazedonien dabei sein. Am Dienstagmorgen machte er sich von Fuerteventura aus dem Trainingslager der MT Melsungen auf die fast zwölfstündige Reise nach Zagreb.

„Ich möchte der Abwehr mehr Körperlichkeit und den Torhütern mehr Sicherheit und Blockarme geben“, sagte Prokop zu seiner überraschenden Maßnahme. Noch vor einer Woche hatte der DHB-Coach mit der Nichtberücksichtigung des 2,10-Meter-Hünen für reichlich Wirbel gesorgt. Auch innerhalb des Teams. Entsprechend groß ist nun die Erleichterung.

„Finn bringt uns mehr Qualität. Die Gegner haben viel Respekt vor ihm. Er genießt international ein hohes Ansehen“, sagte Hendrik Pekeler, Lemkes kongenialer Partner im Mittelblock beim sensationellen EM-Triumph von Krakau 2016. Aus seiner Freude und Erleichterung machte er genau wie Torhüter Andreas Wolff keinen Hehl. „Jetzt haben wir unseren erfahrenen Abwehrchef zurück“, sagte Wolff: „Er ist riesengroß und mit seinen Emotionen einer der Eckpfeiler der Bad Boys. Er wird uns weiterhelfen.“

Diese Hilfe scheint angesichts des phasenweise vogelwilden Auftritts gegen Slowenien bitter nötig. Prokop versuchte es im Mittelblock mit fünf verschiedenen Besetzungen, Besserung trat erst im zweiten Abschnitt ein. „Wir sollten Finn nicht als Heilsbringer sehen“, warnte Keeper Silvio Heinevetter. Nach dem Dämpfer gegen Slowenien „muss sich jeder erst mal auf sich konzentrieren“.

Reichmann brauchte sich allerdings kaum Vorwürfe zu machen. Er kam gegen Slowenien ausschließlich bei den Siebenmetern zum Einsatz – und löste seine Aufgabe mit Bravour. Vor der umjubelten finalen Aktion vergingen fast acht Minuten, ehe die litauischen Schiedsrichter nach Sichtung der TV-Bilder auf Strafwurf entschieden. Reichmann blieb eiskalt und verwandelte.

„Er hat uns den Hintern gerettet“, sagte Kai Häfner. Und auch Kapitän Uwe Gensheimer, sonst für die Siebenmeter verantwortlich, zog seinen Hut: „Wir können glücklich sein, dass Tobi die Eier hatte, den rein zu machen.“

Reichmann, dessen Handy vor lauter Glückwünschen kaum still stand, waren die Huldigungen fast unangenehm. Das Spiel gegen Slowenien bezeichnete er als „kleinen Warnschuss. Wir wissen jetzt, dass uns hier nichts geschenkt wird. Wir können eine Menge daraus lernen.“ Als hätte das deutsche Team mit der Verarbeitung des Krimis nicht schon genug zu verarbeiten, sorgte der slowenische Protest am Dienstagvormittag für Wirbel. Erst mit der Abweisung durch die EHF kehrte ein bisschen Ruhe ein.

Die Slowenen waren davon allerdings alles andere als begeistert. „Was hier passiert ist, sprengt alle Grenzen“, sagte der Sekretär des slowenischen Handballverbandes, Goran Cvijic: „Der Verband denkt ernsthaft darüber nach, die EM zu verlassen. Auf der anderen Seite sind wir uns über die ganzen negativen Folgen auch für die kommende Generation bewusst.“ Zuvor berichtete die slowenische Nachrichtenagentur STA, der Verband habe eine formale Beschwerde gegen die Schiedsrichter eingereicht, von denen sich die Slowenen zum wiederholten Male ungerecht behandelt fühlen. Schon nach dem ersten Gruppenspiel gegen Mazedonien (24:25) sei eine ähnliche Beschwerde eingereicht worden.