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WM-Außenseiter begeistert Fans
Oh, wie schön ist Panama

Saransk. Der WM-Neuling hat schon vor dem Auftakt die Herzen der Fans erobert. Hinter dem 1000:1-Außenseiter aus Mittelamerika liegt ein emotionaler Weg.

() Die Männer mit den dunklen Locken sind in Saransk schon vor dem ersten WM-Spiel kleine Stars. „Willkommen, Panama“, steht auf bunten Werbetafeln in der Hauptstadt von Mordwinien, wo der WM-Neuling während der Endrunde wohnt. Zum ersten Training kamen 500 Fans, das lokale Fernsehen übertrug live. „Wie zu Hause“ fühle er sich, sagte Stürmer Blas Perez, der 11  000 Kilometer von der Heimat entfernt mit seinem Team Geschichte schreiben wird – ganz egal, wie es ausgeht.

Mit einer Quote von 1000:1 ist Panama der größte Außenseiter der WM, das Erreichen des Achtelfinals wäre eine Sensation. Die Fans sind dennoch in Scharen aus Mittelamerika nach Russland gereist, schließlich wollen sie schon beim WM-Debüt am Montag (17.00 MESZ/ARD) gegen den klaren Favoriten Belgien ihren Lieblingshit singen: „Ring, ring, ring – hallo, hallo, hallo – geh mal ans Telefon – Panama hat gewonnen“.

Für die „Rote Flut“ genannte Mannschaft wäre es die Krönung eines emotionalen Weges. Im April 2017 wurde Amilcar Henriquez, jahrelang eine feste Größe im Mittelfeld, vor seinem Haus erschossen. Anschließend lief es nicht rund, das WM-Ticket schien verloren, als Panama am letzten Spieltag der Qualifikation durch ein 2:1 gegen Costa Rica doch noch den großen Rivalen USA überholte. Dass der Ball beim Ausgleich nie und nimmer hinter der Linie war? Interessiert in Panama heute niemanden mehr.



In Russland wartet nun eine Herkulesaufgabe auf Trainer Hernan Dario Gomez, der wegen seiner runden Körperform nur „El Bolillo“ genannt wird, „das Kegelchen“. Nach dem Belgien-Spiel geht es gegen England und Tunesien. „Ich hoffe, dass die Menschen genießen, was wir erreicht haben - statt zu kritisieren und diesen Traum zu zerstören“, sagt Gomez. Jeder Punkt würde dem Fußball in Panama dabei helfen, aus dem langen Schatten von Baseball und Boxen zu treten.

Richten soll es die nicht mehr ganz so frische „Goldene Generation“ des Landes. Stützen wie Torhüter Jaime Penedo, Kapitän Felipe Baloy und Stürmer Perez sind schon über 35 Jahre alt. Im Schnitt kommen die Spieler auf sage und schreibe 62 Länderspiele, kein anderer WM-Teilnehmer hat so viel Erfahrung im Kader.

Gelingt den Oldies also ihr letztes Hurra? „Wir sind die Mannschaft mit den geringsten Chancen. Aber für uns ist das hier nicht bloß ein Ausflug“, sagt Trainer Gomez. Unterstützung kommt aus der Heimat, wo mehrere Showstars den WM-Song „Sube la Marea“ („Die Flut kommt“) aufgenommen haben. Das Land mit den zwei Küsten will endlich für mehr als seinen Kanal bekannt sein. Auch wenn auf dem Teambus der Slogan „Die Kraft der zwei Meere“ prangt und der Spitzname „Los Canaleros“ längst in den Köpfen eingebrannt ist.

(SID)